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Gedenkworte des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland zum Tod des Bundeskanzlers a.D. und Berliner Ehrenbürgers Dr. Helmut Kohl

22.06.2017 10:00, Plenarsaal

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Ich darf Sie bitten, sich von Ihren Plätzen zu erheben.
 
Ein großer europäischer und deutscher Staatsmann ist von uns gegangen. Am vergangenen Freitag starb unser Berliner Ehrenbürger und ehemaliger Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl im Alter von 87 Jahren.
 
Helmut Kohl hat immer daran geglaubt, dass die schmerzhafte deutsche Teilung nicht ewig dauern würde. Dass er noch zu Lebzeiten die Wiedervereinigung erleben könnte, davon war er nicht ausgegangen.
 
Aber als er als Bundeskanzler nach der Maueröffnung in die Situation kam, Deutschland als Nation zusammenzuführen, da nutzte er die Chance gegenüber den einstigen Weltkriegsalliierten und den europäischen Nachbarn. Seine Überzeugungsarbeit trug Früchte: Die vier Weltkriegsmächte USA, die Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich stimmten der deutschen Vereinigung zu. Und sie besiegelten, dass das wiedervereinigte Deutschland im westlichen Bündnis der NATO verbleiben konnte.
 
Die Westbindung auch des neuen, größeren Deutschland blieb so bestehen. Aufgrund dieses Verhandlungserfolges, wurde er zu Recht zum ‚Kanzler der Einheit‘ und hat sich damit für immer in unsere Geschichtsbücher eingetragen. Sein Gespür für historische Zusammenhänge, sein politischer Pragmatismus und seine jahrelang praktizierte Vertrauensarbeit gegenüber den auswärtigen Staatsmännern und Staatsfrauen trugen so dazu bei, das kleine Zeitfenster der Geschichte zu sehen und zu nutzen. Aber der Historiker und Politiker Helmut Kohl wusste auch ganz genau, dass der Anfang vom Ende des DDR-Regimes in Moskau geschrieben wurde.
 
Helmut Kohl war sich darüber bewusst, dass die deutsche Einheit  und die europäische Einheit ganz eng aufeinander bezogen waren. Ohne eine vertiefte Integration Deutschlands in Europa hätte es auch keine Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung gegeben. Für Helmut Kohl war die europäische Währungsunion, der Euro, eben immer auch Friedenspolitik mit anderen Mitteln.
 
Gleichwohl: Für die europäische Einheit war, ist und bleibt das deutsch-französische Verhältnis maßgeblich. Das hatte Helmut Kohl ständig präsent gehabt. Um den deutsch-französischen Schulterschluss war er stets bemüht. Ihn hielt er für existenziell bezogen auf die europäische Einheit. Helmut Kohl hat nicht nur über die Notwendigkeit europäischer Integration geredet, er hat auch sehr viel dazu beigetragen, dem europäischen Zug die Vorfahrt vor den nationalen Zügen zu geben. Und er hat immer auch intensive Beziehungen zu unseren osteuropäischen Nachbarn gepflegt und ihren Weg in das demokratische Europa unterstützt.
 
Die Integration Europas war seine innerste Überzeugung und er hat sie politisch gelebt, glaubwürdig auch für andere europäische Staatenlenker, die ihm 1998 die Europäische Ehrenbürgerwürde antrugen. Diese Auszeichnung stellte Helmut Kohl damals in eine Reihe mit Jean Monnet, einem der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaften.
 
Welches Gewicht bis heute die Stimme Helmut Kohls in Europa hatte, macht auch die Ansetzung eines europäischen Traueraktes im Europaparlament deutlich. Sechszehn Jahre Kanzlerschaft von 1982 bis 1998 – Helmut Kohl war nicht nur außen- und deutschlandpolitisch gefordert. Seine innen-, gesellschafts- und parteipolitischen Leistungen waren nicht gering.
 
1986 schuf er das Bundesumweltministerium und das Familienministerium wurde um die Frauenpolitik ergänzt. Im selben Jahr trat auch die Anerkennung von Erziehungsleistungen in der Rentenversicherung in Kraft.
 
Meine Damen und Herren,
 
Helmut Kohl war zeit seines politischen Lebens auch ein leidenschaftlicher Parteipolitiker. Er formte als Bundesvorsitzender seit 1973 die CDU um. Aus der Honoratiorenpartei wurde eine moderne Volkspartei, ohne die Wertebasis der CDU infrage zu stellen. Die Modernisierung der CDU war sein Verdienst.
 
Als geradezu tragisch muss dagegen der Verlauf der Spendenaffäre wirken, die das Verhältnis zwischen Partei und dem ehemaligen Vorsitzenden auf eine große Belastungsprobe stellte und die in der öffentlichen Wahrnehmung  - leider auch - einen Schatten auf die politische Lebensbilanz wirft.
 
Meine Damen und Herren,
 
Helmut Kohl war immer ein Freund Berlins. Er sprach sich in der Hauptstadtdebatte vom 20. Juni 1991 für Berlin als Hauptstadt und Regierungssitz aus. Schon in den achtziger Jahren weilte Helmut Kohl gerne auch privat in unserer Stadt, hatte hier eine Wohnung. Er hielt sich selber an das, was er gern anderen Politikern empfahl: Berlin sollte für sie „eine zweite Heimat“ sein.
 
Bis zuletzt blieb er dieser zweiten Heimat treu und hielt sich gerne immer wieder in Berlin auf. Wir werden nie vergessen, dass Helmut Kohl als Bundeskanzler dafür sorgte, dass die Stadt Berlin in Freiheit ihre geeinte Zukunft gestalten konnte.
 
Berlin hat Helmut Kohl sehr viel zu verdanken. Und deshalb verneigen wir uns vor einem großen Deutschen, einem überzeugten Europäer und einem treuen Freund Berlins.
 
Unsere Anteilnahme gilt seiner Ehefrau und den beiden Söhnen.
 
Ich danke Ihnen, dass Sie sich zu Ehren des Verstorbenen von Ihren Plätzen erhoben haben.
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