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Das Parlament

Gedenkworte des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 73. Jahrestag der Einrichtung des sowjetischen Speziallagers Nr. 7/Nr. 1 Sachsenhausen

26.08.2018 11:00

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„Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Ich denke, wir können stolz darauf sein, dass die Verfassungsmütter und –väter der Bundesrepublik Deutschland diesen Satz ganz an den Anfang unseres Grundgesetzes gestellt haben. Denn dieser Satz ist in der Tat ein Bollwerk gegen die Unmenschlichkeit. Darauf hat unser Bundespräsident erst kürzlich wieder hingewiesen. Und er hat recht. Wir alle spüren es. Besonders an einem Ort wie diesen.

An einem Ort, der zunächst nationalsozialistisches Konzentrationslager war. Und dann ab August 1945 ein sowjetisches Speziallager wurde. Unzählige Leidensgeschichten wurden hier gelebt. Rechtlos waren die Eingesperrten hier. Gefoltert und gequält wurden sie.

Die Nazis schickten ab 1938 viele Jüdinnen und Juden systematisch in den Tod. Und auch die Sowjets nahmen den Tod der Lagerinsassen, die oft krank und hilflos waren, billigend in Kauf. Tod und Unrecht waren hier im Lagerkomplex von 1936 bis 1950 zuhause. Diese Geschichte prägt diesen Ort. Für immer.

Es ist gut für unsere eigene Identität, dass wir uns an einem Tag wie dem heutigen daran erinnern, was hier geschah. Das ist nicht einfach. Weil es unser heutiges Selbstverständnis berührt. Viele Verletzungen von damals sind auch heute noch nicht verheilt. Und wir haben Anlass genug, wachsam zu bleiben.

Die Erinnerung zwingt uns, sensibel zu sein. Dazu trägt auch diese Gedenkstätte an historischem Ort bei. Sie zeigt sehr eindringlich, wie wichtig Erinnerungskultur  ist. Sie zeigt, dass Geschichtsklitterung in unserer demokratischen Gesellschaft keinen Platz hat. Und sie macht deutlich, wie wichtig der innere und äußere Frieden für eine Gesellschaft ist. Denn wenn es ihn nicht gibt, dann entstehen unter anderem solche Lagerkomplexe, um vermeintlich missliebige Menschen auszugrenzen und im schlimmsten Fall zu vernichten.

Gerade wir Deutschen haben keinen Anlass, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Wir müssen aber auch nicht den Kopf in den Sand stecken. Das mag in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch anders gewesen sein. Viele, ja zu viele, waren Mittäter oder Mitwisser. Doch heute, 73 Jahre nach Kriegsende, hat sich die Verantwortungskulisse verändert. Es gibt so gut wie keine Täter mehr, es gibt sehr viele Deutsche, die haben mit dem nationalsozialistischen Terror und dem Terrorsystem Stalins nichts zu tun. Aber das erzeugt eine andere Verantwortung für die jüngeren Generationen, was leicht übersehen wird.

Wir Deutsche haben eine historische Verantwortung für das, was einst geschah. Und diese Verantwortung kann uns niemand abnehmen. Dass die Alliierten nach Kriegsende irgendwie mit den Deutschen im besetzten Deutschland umgehen mussten, das lag in der Verantwortung der Alliierten. Also auch in der Verantwortung der Sowjetunion unter Stalin. Und natürlich herrschte Misstrauen und Angst bei der sowjetischen Armee gegenüber den Deutschen, wie umgekehrt die Deutschen Angst hatten vor den sowjetischen Soldaten. Beide waren sich fremd.

Dazu trugen auch die Speziallager bei. Wer in ihnen eingesperrt wurde, wusste häufig nicht warum. Eine individuelle Schuld der Insassen wurde nie festgestellt. Die Inhaftierungen hatten etwas Willkürliches an sich. Allein hier im Speziallager in Oranienburg kamen 12.000 Menschen um. Es gilt am heutigen Tag, ihrer zu gedenken.

Es wird so gewesen sein: Die ein oder andere Inhaftierte oder der ein oder andere Inhaftierte wird schwere Schuld auf sich geladen haben. Aber das hätten unabhängige Gerichte feststellen müssen. Das ist nicht geschehen. Und so hatte sich damals gleich nach dem Kriegsende eine neue Willkürherrschaft etabliert.

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch dank der Arbeit der Stiftung der brandenburgischen Gedenkstätten ist dieser Erinnerungsort heute zu einem wichtigen Symbol des anderen, des demokratischen Deutschlands geworden. Zu einem Symbol eines Landes, das auch seine dunkelsten Momente kennt und sie nicht verschweigt. Eines Landes, das immer wieder an das "Niemals wieder!" denken möchte. Eines Landes also, das sich erinnern will. Weil es seine geschichtliche Verantwortung kennt. Dazu stehen wir.

Das sind wir den vielen Opfern schuldig.

Ich danke Ihnen.

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