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Das Parlament

Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland zur Ausstellungseröffnung "Im Reich der Nummern"

08.11.2018 18:00, Abgeordnetenhaus, Festsaal

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Es sind nun 80 Jahre vergangen, seit in Berlin und vielen anderen deutschen Städten die Synagogen brannten. Man kann von einem ganzen Menschenleben sprechen, das seither vergangen ist. Ein ganzes Menschenleben – zwischen der Reichspogromnacht, in der die jüdischen Mitbürger in Deutschland einen Exzess der Gewalt und Entmenschlichung erlebten, und heute. Augenzeugen dieser Barbarei, dieses Wahnsinns, gibt es kaum mehr.

Und 2018? Ein Menschenleben später? Leben wir in einem Land, in dem jüdische Einrichtungen noch immer Polizeischutz benötigen – sei es das Jüdische Altersheim oder die Jüdische Schule. Wir haben uns alle an diesen Anblick gewöhnt – aber seien wir ehrlich: Das darf keine Normalität sein. Es darf nicht sein, dass sich Gruppen von Menschen in diesem Land der Zivilisiertheit ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht sicher sein können. Es darf nicht sein, dass es diese Form von Polizeipräsenz braucht, um in einem Land existieren zu können. Es schaudert mich jedes Mal, wenn ich mir das vor Augen halte. 

In der Gedenkstunde heute Vormittag sprach ich von historischer Verantwortung, die mit den Schrecken der Reichspogromnacht entstanden ist und die für uns und alle kommenden Generationen Gültigkeit hat. 

Kaum jemand hat heute noch einen persönlichen Bezug zur Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Es fällt sicherlich schwer, sich zu vergegenwärtigen, wie sich die Verzweiflung der jüdischen Mitbürger angefühlt hat. Wie es sich angefühlt hat, dem Hass und der Gewalt einer Meute ausgeliefert zu sein, die man zuvor noch als Kunden, Schüler, Gäste, als Mitbürger, kannte.

Wie soll Bewusstsein für eine historische Verantwortung entstehen? Ich denke, das geht nur über einem aktiven Dialog. Einen Dialog, in dem wir offen ansprechen, welche Entwicklungen in dieser Gesellschaft uns zur Sorge veranlassen. Einem Dialog, in dem wir mutig und solidarisch an der Seite derer stehen, die sich in diesem Land nicht sicher fühlen.

Denn eines ist den Berichten vieler jüdischer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gemein: Auf die Zerstörung, die Beutezüge durch Ladengeschäfte, die mannigfachen Morde, die in dieser Nacht geschahen, folgte: Teilnahmslosigkeit, Gleichgültigkeit, gar Unverständnis oder Hohn der Mitbürgerinnen und Mitbürger. Empörung oder gar einen Aufschrei, dazu kam es nie. Die Gründe dafür sind sicherlich vielschichtig, wenn auch nicht entschuldbar. Diese Welle der unmenschlichen Barbarei muss sicherlich für jeden Zeitgenossen angsterregend gewesen sein. Gleichzeitig waren die jüdischen Mitmenschen bereits seit Jahren anhaltenden Aggressionen und steter Ausgrenzung ausgesetzt. Ja, es war Normalität. Und Normalität stumpft die Menschen ab.

Auch hier mitten in Berlin, im Scheunenviertel zum Beispiel, haben die Pogrome ihre hässlichste und brutalste Fratze gezeigt. Berlin ist heute aber auch die Stadt, in der über 200.000 Menschen auf die Straße gehen, um Solidarität zu zeigen – über alle willkürlich gezogen Grenzen von Religion, Sexualität, Herkunft, Aussehen hinweg. Berlin ist die Stadt, die mehrheitlich der Welt mutig und unerschrocken zeigen will: Wir sind unteilbar!

Das stimmt mich ungemein optimistisch, aber darauf ausruhen darf man sich einfach nicht. Denn noch stehen die Polizeihäuschen vor jüdischen Gotteshäusern. Und noch werden Menschen auf offener Straße angegriffen, weil sie eine Kippa tragen. Das ist alles Beweis genug dafür, dass wir uns unseres eigenen Zivilisiertseins niemals sicher sein können. Wir müssen es tagtäglich neu verhandeln. Wir müssen uns tagtäglich vergewissern, ob wir noch in einem Land leben, dass jedem Menschen freie Entfaltung und zugleich Unversehrtheit ermöglicht.

Die Ausstellung „Im Reich der Nummern“, die wir heute im Abgeordnetenhaus von Berlin eröffnen dürfen, ist ein ganz substanzieller Beitrag zu dieser Selbstreflexion. Konzeptionell und visuell beeindruckend schildert die Ausstellung die Erfahrungen von deportierten jüdischen Männern, die in das KZ Sachsenhausen verschleppt wurden. Sie erzählt die Geschichten von Vertreibung und Exil. Dank ihrer außergewöhnlichen Raumkonzeption zieht sie den Betrachter regelrecht in diese schicksalhaften Biografien hinein. Die Ausstellung lässt nachempfinden, dass diese erlebten Qualen nie wieder Realität oder gar Normalität werden dürfen.

Ich danke der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen, insbesondere der Kuratorin Frau Dr. Ley, für die akribische Recherche, die in diese Ausstellung geflossen ist und zugleich für diese emotional eindrückliche und dadurch so lebensnahe Darstellungsform, die Sie für die Ausstellung gefunden haben.

Ich wünsche allen Anwesenden im Anschluss einen aufschlussreichen Rundgang durch die Ausstellung und freue mich, das Wort nun an den Staatssekretär für Kultur, Gerry Woop, übergeben zu dürfen.

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