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Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland zur Eröffnung der Ausstellung "L'Chaim - Auf das Leben! Die Vielfalt jüdischen Lebens in Berlin entdecken"

06.11.2017 18:30, Plenarsaal

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Wer mit offenen Augen durch Mitte, Prenzlauer Berg oder Charlottenburg geht, der sieht Synagogen, jüdische Kindergärten und Schulen, koschere Restaurants und Lebensmittelläden. Die Zeichen jüdischen Lebens sind aus dem Straßenbild unserer Stadt nicht wegzudenken. Und dennoch wissen viele nichtjüdische Berlinerinnen und Berliner nur wenig über das Judentum und das Leben ihrer jüdischen Nachbarn.

Man kann dies bedauern. Oder man kann dazu beitragen, diesen bedauerlichen Umstand zu ändern. So wie es die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus mit „L’Chaim – Auf das Leben!“, der heute zu eröffnenden Ausstellung, getan hat.

Es ist eine Ausstellung, die nicht über jüdische Berlinerinnen und Berliner berichtet. Sondern sie selbst zu Wort kommen lässt. Sie gibt alteingesessenen Berlinern ebenso eine Stimme wie Menschen, die erst vor wenigen Jahren aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, aus der Türkei oder Israel zu uns gekommen sind.

Sie zeigt Berliner Juden, die ihr Judentum religiös definieren und andere, die wenig oder keinen Bezug zum Glauben haben. (Worin sie, nebenbei gesagt, den nichtjüdischen Berlinern sehr ähnlich sind.)

Man hört ihre Geschichten und versteht, dass diese Ausstellung eine Einladung ist. Sie lädt uns ein in die Wohnung eines langjährigen Nachbarn, den man bisher nur im Vorbeigehen flüchtig gegrüßt hat. Wenn überhaupt. Der einem unbekannt war und den man nun kennenlernt.

Und man versteht ganz nebenbei: Die hier präsentierte Vielgestaltigkeit jüdischer Biografien und Lebensentwürfe ist fester Bestandteil der kulturellen und religiösen Vielfalt unserer Stadt. Und das ist ein Glücksfall für Berlin. Denn diese Vielfalt macht die Großstadt erst zur Metropole.

Berlin ist heute die unbestrittene Hauptstadt jüdischen Lebens in Deutschland. Mit mehr als 10.000 Mitgliedern ist die hiesige jüdische Gemeinde die Größte unseres Landes. Sie gilt als die am schnellsten wachsende jüdische Gemeinschaft der Welt. Schätzungen gehen zudem von etwa 15.000 israelischen Staatsbürgern aus, die sich zeitweilig oder dauerhaft in Berlin niedergelassen haben.

Wenn heute also wieder mehr als 25.000 Jüdinnen und Juden in Berlin leben, ist das ein großer Grund zur Freude. Und doch kann diese Zahl nicht nur Grund zur Freude sein. Denn wir wissen, dass einmal 170.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder in Berlin lebten. Mehr als 60.000 von ihnen wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

Die schmerzliche Leerstelle, die der Holocaust hinterlassen hat, lässt sich nicht füllen. Das einstmals blühende jüdische Leben der Weimarer Republik kann nicht zurückgeholt werden. Was vernichtet wurde, ist unwiederbringlich verloren. (Wenn auch nicht vergessen.) Wenn überhaupt, kann es nur eine neue Vielfalt jüdischen Lebens in unserer Stadt geben.

Wenn wir über jüdischen Alltag heute in unserer Stadt sprechen, denken wir also immer auch die jüdische Vergangenheit mit.

Ebenso müssen wir, immer noch und immer wieder, vom alltäglichen Antisemitismus sprechen. Von tätlichen Angriffen und Beleidigungen. Von Hakenkreuzschmierereien, abschätzigen Bemerkungen und Hasskommentaren im Internet. Nicht weniger als 500 antisemitische Vorfälle hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus für das Jahr 2016 gezählt. 350 Vorfälle waren es bereits in den ersten 10 Monaten dieses Jahres.

Jeder dieser Vorfälle, ist ein Vorfall zu viel.

Als Präsident des Abgeordnetenhaus weiß ich: Politiker haben eine besondere Verantwortung im Kampf gegen den Antisemitismus. Sie können politische und gesetzliche Rahmenbedingungen gestalten. Sie können durch ihr Handeln und Sprechen Vorbild sein.

Wir alle wissen aber auch: Antisemitismus wird sich nicht per Gesetz oder durch wohlmeinende Reden aus den Köpfen verbannen lassen.

Wenn wir den latenten und den offensiven Antisemitismus eindämmen wollen, brauchen wir ein gesellschaftliches Klima, in dem Vorurteile keinen Nährboden finden. Ein Klima, in dem Antisemiten isoliert werden. Ein Klima, in dem Zivilcourage und gesellschaftlicher Zusammenhalt gedeihen. Damit Antisemitismus, ebenso wie jede andere Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, keinen Platz in unserer Gesellschaft hat.

Nicht zuletzt aber brauchen wir Aufklärungsangebote. Denn Vorurteile erwachsen oft genug aus Unwissenheit und Unverständnis. Oder, positiv formuliert: „Wissen bringt Toleranz“, wie es in einem der Interviews heißt, die Sie in dieser Ausstellung sehen können.  

Die heute zu eröffnende Ausstellung bietet genau dies: Sie klärt auf, vermittelt Wissen und eröffnet die Möglichkeit der persönlichen Begegnung. Und damit einen Ausweg aus Intoleranz und Gewalt. Das macht die besondere Bedeutung dieser wichtigen Ausstellung aus. Auch deshalb wünsche ich ihr möglichst viele Besucherinnen und Besucher. Hier im Abgeordnetenhaus und überall dort, wo sie in den folgenden Monaten zu sehen sein wird.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei den Machern der Ausstellung. Bei Dervis Hizarci, dem Vorsitzenden der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, ebenso wie bei Joachim Seinfeld und Lukas Welz, die diese Ausstellung kuratiert haben.

Drei Menschen, die in der Ausstellung zu Wort kommen, sind heute ebenfalls bei uns auf dem Podium zu Gast: Herzlich willkommen Frau Peretz, Herr Golzmann und Herr Kalmanovich. Vielen Dank, dass Sie heute bei uns sind.

Damit möchte ich auch Sie, sehr geehrte Frau Langhoff, herzlich im Abgeordnetenhaus von Berlin begrüßen. Wir freuen uns auf ihre einführenden Worte.

Schließlich möchte ich auch den Musikerinnen und Musikern danken, die unseren Abend musikalisch begleiten: Am Anfang haben Sie Rebekka Adler mit einem sefardischen Lied auf der Bratsche gehört.

Gleich werden wir Sharon Brauner, Boris Rosenthal und Ben Salomo mit dem Stück „Adon Olam“ hören und am Schluss Ohad Ben-Ari mit der Ballade Nr. 1 von Frederic Chopin.

Auf das Leben! Auf diese Ausstellung und auf einen spannenden Abend mit Ihnen und unseren Podiumsgästen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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