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Das Parlament

Rede des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland zur Verleihung der Louise-Schroeder-Medaille

09.04.2019 18:00, Abgeordnetenhaus, Festsaal

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Wir erinnern uns bei der Vergabe dieser Medaille an eine Frau, die wie es ein geschätzter Kollege von mir formulierte „nicht dem Ich lebte, sondern dem Du“.

Meine Damen und Herren,
das war Louise Schroeder.

Die Persönlichkeit unserer Ehrenbürgerin hat einst der damalige Vizepräsident des Abgeordnetenhauses von Berlin Wolfram Müllerburg selten schön beschrieben. Doch wer genau war die Frau, „die nicht dem Ich lebte“? Louise Dorothea Sophie Schroeder wurde am 2. April 1887 in Altona geboren. Als „Arbeiterkind“ wuchs sie in eher ärmlichen Verhältnissen auf und wurde schon früh sozialdemokratisch geprägt. 1910 trat sie im Alter von 23 Jahren der SPD bei. Das war ein besonderer Schritt für eine junge Frau in einer Zeit, in der politisch engagierte Frauen als „alte Jungfern“ gebrandmarkt wurden und weder wählen noch gewählt werden durften.

Zu ihrer ersten öffentlichen Rede 1918 wurde Louise Schroeder noch mit einem argwöhnischen „Na – wenn dat man wat ward!“ begrüßt. Doch Louise Schroeder war eine talentierte Rednerin, die schon bald überzeugen sollte: Ein Jahr später, 1919, wurde sie als eine der ersten weiblichen Abgeordneten Deutschlands in die Weimarer Nationalversammlung gewählt. Nebenbei wirkte sie als Stadtverordnete in ihrer Heimat Altona. Während ihrer parlamentarischen Arbeit für die Sozialdemokraten widmete sie sich in erster Linie sozialpolitischen Problemen. Darüber hinaus beteiligte sich Louise Schroeder neben Marie Juchacz am Aufbau der Arbeiterwohlfahrt, die nebenbei bemerkt vergangenen Monat ihr 100-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Die Gründung der AWO fiel in eine Zeit, in der die sogenannte Armenpflege äußerst dürftig ausfiel und sogar mit der Minderung staatsbürgerlicher Rechte einherging: Wer Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln bezog, dem wurde das Wahlrecht aberkannt. Hier schaffte die Freie Wohlfahrtspflege ein würdigeres System und leistete Hilfe von Mensch zu Mensch.

Ein weiteres zentrales Anliegen von Louise Schroeder war die Gleichstellung der Frauen. Die Sozialdemokratin setzte sich insbesondere für Mütter, für Alleinstehende und uneheliche Kinder ein. Der Alltag zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte viele Frauen vor eine Zerreißprobe. Immer mehr von ihnen gingen einer Erwerbstätigkeit nach, oft an sechs Tagen der Woche, meist auch länger als 10 Stunden täglich, häufig zu einem schlechten Lohn. Auch der Haushalt blieb zumeist in den Händen der Frauen. Dabei halfen weder Männer noch Staubsauger noch die vollautomatische Waschmaschine. Zwei der drei mussten erst noch erfunden werden.

Es gab keine Fertiggerichte und keine Mikrowellen, ganz zu schweigen von den wirklich entlastenden Errungenschaften wie dem Mutterschutz, staatlicher Unterstützung bei der Kinderbetreuung oder dem Recht des Schwangerschaftsabbruchs. Obwohl sie selbst keine Mutter war, begegnete Louise Schroeder ihren Mitmenschen wachsam und mit Empathie. Eben eine Frau, „die dem Du“ – also dem Miteinander statt dem Selbstzweck – diente.

Louise Schroeder lebte Solidarität unter Frauen, bis die Nationalsozialisten all das brutal zugrunde richteten, wofür sie zeitlebens gekämpft hatte. Noch bei der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz 1933 bewies Louise Schroeder Mut und Selbstlosigkeit. Während die meisten ihrer Parteigenossinnen und -genossen wohlgemerkt aus Angst vor den SS- und SA-Truppen zögerten, erklärte Louise Schroeder entschieden, dass sie auf jeden Fall abstimmen werde.

Ihr Alltag im nationalsozialistischen Deutschland war geprägt von Überwachung, Vernehmungen, Hausdurchsuchungen und Briefzensur. Die Kriegszeit zermürbte sie. Dennoch war sie zur Stelle, als es 1945 hieß, die Demokratie wieder aufzubauen. Die Wahlen im Herbst 1946 brachten Louise Schroeder in die Berliner Stadtverordnetenversammlung, die sie zur Bürgermeisterin wählte. Nach dem russischen Veto gegen Ernst Reuter übernahm sie auch die Geschäfte der amtierenden Oberbürgermeisterin. Als bisher einzige Frau an der Spitze der Berliner Regierung führte sie vom Juni 1947 bis zum Dezember 1948 die Verwaltung unserer Stadt. In diese Jahre fallen die Berlin-Blockade und die Währungsreform – das waren keine einfachen Zeiten. Doch Louise Schroeder führte die Stadt mit ihrer Warmherzigkeit durch die Umbrüche, sie machte Mut und beruhigte die Berlinerinnen und Berliner in persönlichen Briefen.

Von 1949 bis zu ihrem Tod 1957 wirkte die Sozialdemokratin als Abgeordnete des ersten Deutschen Bundestages. Sicher, wenn wir heute an Louise Schroeder und ihre Ziele denken, dürfte vieles davon erreicht sein. Die sozialen und politischen Verhältnisse in Deutschland sind andere. Was bleibt, ist die Pflicht, neue Forderungen zu entwickeln und auf demokratischem Weg zu erstreiten.

Ich denke nicht, dass ein immer größer werdender Niedriglohnsektor oder eine hohe Zahl an Frauen, die von Altersarmut bedroht sind, im Sinne Louise Schroeders gewesen wären. Gerechtigkeit ist kein Thema von gestern. Es bewegt uns auch heute noch und wird auch in Zukunft von Bedeutung sein. Und hier kommen Sie, liebe Frau Denzin-von Broich-Oppert mit Ihrer Arbeit ins Spiel. Wie Louise Schroeder haben Sie sich dem Miteinander verschrieben. Das ist die wichtigste, aber tatsächlich gar nicht die einzige Gemeinsamkeit, die Sie und Louise Schroeder verbindet. Neben der Mitgliedschaft in der SPD und der Arbeiterwohlfahrt stehen Sie mit Ihrer Arbeit für den kontinuierlichen und leidenschaftlichen Einsatz für demokratische Werte. Dabei beeindruckt vor allem Ihre Vielschichtigkeit. Von Ihrem langjährigen Beruf als Leiterin der sozialpädagogischen Fortbildungsstätte „Haus am Rupenhorn“ über Ihren Einsatz für mehr Gleichberechtigung bis hin zu diversen Ehrenämtern: Zwischenmenschlichkeit ist Ihre Mission.

Liebe Frau Denzin, Sie sind zweifelsohne eine Frau, „die nicht dem Ich lebt, sondern dem Du“. Sie sind ein Vorbild – und zwar nicht nur für die Frauen dieser Stadt. Dafür danke ich Ihnen im Namen des Berliner Abgeordnetenhauses! Mit Ihrer langjährigen Arbeit haben Sie sich um die Louise-Schroeder-Medaille verdient gemacht.

Frau Denzin,
meine allerherzlichsten Glückwünsche.
Besten Dank!

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