Grußwort der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, für die Gedenkstunde auf dem Friedhof der Märzgefallenen
18.03.2026 11:00, Ernst Zinna Weg 1, 10249 Berlin
Das jährliche Gedenken an die Revolution von 1848/49 erinnert uns daran, wie tief die Wurzeln unserer Demokratie reichen.
Wir stehen hier an einem besonderen Ort. Auf diesem Friedhof ruhen Menschen, die im März 1848 in Berlin ihr Leben verloren haben. Sie kämpften für politische Mitbestimmung, für Freiheit und für eine neue Ordnung jenseits der alten feudalen Strukturen.
Die Barrikadenkämpfe in Berlin waren ein sichtbarer Ausdruck dieses Aufbegehrens. Doch sie waren nicht das einzige Zentrum der Revolution. Auch in anderen Teilen Deutschlands erhoben sich Menschen gegen die bestehende Ordnung. Besonders im deutschen Südwesten, vor allem in Baden, war der Geist der Aufklärung und des bürgerlichen Aufbruchs stark ausgeprägt.
Ein entscheidender Schritt dieser Bewegung war die Wahl des ersten gesamtdeutschen Parlaments: der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Dort versuchten Abgeordnete aus allen Teilen Deutschlands, eine gemeinsame Verfassung für einen deutschen Nationalstaat zu schaffen.
Dennoch gilt die Revolution von 1848/49 bis heute oft als gescheitert. Ihre unmittelbaren Ziele wurden nicht erreicht. Weder entstand ein deutscher Nationalstaat, noch setzte sich eine konstitutionelle Monarchie oder gar eine parlamentarische Republik durch.
In den Jahren danach folgten Repressionen gegen Liberale und Demokraten. Viele mussten ins Exil gehen, andere wurden verfolgt oder politisch marginalisiert. Die autoritäre Herrschaft von Königtum und Adel schien sich zunächst ungebrochen fortzusetzen.
Doch einige Jahrzehnte später zeigt sich ein differenzierteres Bild. Deutschland war inzwischen national geeint. Es gab ein gewähltes Parlament, den Reichstag. Auch wenn er noch nicht über die Bildung der Regierung entschied, verfügte er über ein zentrales parlamentarisches Recht: das Budgetrecht.
Zugleich war die rechtliche Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung aufgehoben worden. Gesellschaftliche Gleichberechtigung blieb noch lange unvollständig, doch rechtlich war ein wichtiger Schritt getan. Viele Zeitgenossen, darunter auch ehemalige Revolutionäre, sahen darin Fortschritte. Für überzeugte Demokraten blieben diese Reformen jedoch nur ein Etappenschritt auf dem langen Weg zu den Idealen von 1848.
Revolutionen verbinden wir oft mit mutigen Männern und ihren Taten. Doch auch Frauen spielten in der Revolution von 1848/49 eine sichtbare Rolle. Schon im Vormärz waren Frauen wie Rahel Varnhagen von Ense oder Henriette Herz in Berlin Mittelpunkt politischer und literarischer Salons. Gleichzeitig waren Frauen politisch weitgehend ausgeschlossen. Nach dem damaligen Verständnis gehörten sie in den privaten Bereich. Ihr „Beruf“ sollte Ehefrau und Mutter sein.
Dennoch veränderte sich etwas. Mehr Bildung eröffnete Mädchen und jungen Frauen neue Möglichkeiten. Davon profitierten besonders Töchter aus Pfarrhäusern und aus dem Bildungsbürgertum. Für Arbeiterinnen, Dienstmädchen oder Bäuerinnen blieb der Zugang zu Bildung allerdings weiterhin stark eingeschränkt.
Trotzdem waren Frauen auch auf den Berliner Barrikaden präsent. Von Berlinerinnen ist überliefert, dass sie Steine als Wurfgeschosse sammelten und auf Dächer und Kirchtürme brachten. Auf der Liste der Märzgefallenen sind elf Frauen namentlich verzeichnet.
Einige Frauen gingen noch weiter. Amalie Struve beteiligte sich aktiv an den revolutionären Kämpfen in Baden. Sie nahm am sogenannten Heckerzug teil und war auch am Struve-Putsch beteiligt, der eine Republik ausrufen wollte.
Nach einer Gefängnisstrafe kämpfte sie 1849 erneut – bei der Verteidigung der Festung Rastatt.
Auch Emma Herwegh engagierte sich politisch und militärisch. Gemeinsam mit ihrem Mann Georg organisierte sie die sogenannte Deutsche Legion – eine Einheit deutscher Emigranten in Frankreich, die die Revolution in Deutschland unterstützen sollte.
Noch häufiger unterstützten Frauen die Bürgerwehren auf andere Weise. Sie stickten Fahnen oder nahmen bei feierlichen Fahnenübergaben eine zentrale Rolle ein. Damit erhielten sie erstmals eine sichtbare Position im öffentlichen politischen Leben. Auch eigene Vereine entstanden. Besonders bekannt wurde der Mainzer Frauenverein „Humania“, gegründet von Kathinka Zitz. Der Verein unterstützte politisch Verfolgte, pflegte Verwundete und sammelte Geld für Waffen. Ähnliche Initiativen entstanden bald auch in anderen Städten.
Darüber hinaus wurden Frauen publizistisch aktiv. Mathilde Franziska Anneke, Louise Aston, Louise Dittmar und vor allem Louise Otto mit ihrer „Frauen-Zeitung“ nutzten die Presse, um politische Forderungen zu formulieren.
Frauen durften weder wählen noch selbst für die Nationalversammlung kandidieren. In der Frankfurter Paulskirche gab es jedoch eine Damengalerie. Von dort aus konnten Frauen die Debatten verfolgen.
Für manche Frauen wurde dies zu einem wichtigen Schritt politischer Bewusstwerdung. Lothilde Koch-Gontard verfolgte die Sitzungen mit lebhaftem Interesse. In ihrem Haus trafen sich führende Liberale aus dem Rheinland, sodass politische Diskussionen dort unmittelbar weitergeführt wurden.
Es war also etwas in Bewegung geraten. Erste Ansätze politischer Teilhabe von Frauen wurden sichtbar. Doch der Weg zur Gleichberechtigung war noch lang.
Erst siebzig Jahre später, nach einem verlorenen Weltkrieg und einer weiteren Revolution, kam der entscheidende Schritt: Am 30. November 1918 wurde das Frauenwahlrecht im Reichswahlgesetz verankert. Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 konnten Frauen erstmals wählen – und auch selbst kandidieren.
Die Revolution von 1848/49 zeigt uns, dass demokratische Entwicklungen selten geradlinig verlaufen. Fortschritte entstehen oft in Etappen, manchmal über Generationen hinweg. Auch die friedliche Revolution von 1989 erinnert daran. Der Fall der Berliner Mauer am 9. November wurde zum Symbol des Umbruchs. Doch auch hier waren es viele Orte und viele Menschen, die diesen Wandel möglich machten – etwa die 70.000 Demonstrantinnen und Demonstranten in Leipzig am 9. Oktober.
Die Geschichte der Demokratie ist deshalb keine Geschichte einzelner Augenblicke. Sie ist das Ergebnis von Mut, Engagement und Ausdauer vieler Menschen. Gerade deshalb lohnt es sich, hier an die Märzgefallenen zu erinnern.
Beharrlichkeit und Ausdauer sind für eine Demokratie nicht weniger wichtig als Begeisterung und Aufbruch. Deshalb wünsche ich mir für unsere Demokratie den kontinuierlichen Einsatz und die wachsame Aufmerksamkeit vieler Bürgerinnen und Bürger.
Damit Freiheit, Mitbestimmung und Rechtsstaatlichkeit auch in Zukunft Bestand haben.
Vielen Dank.