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Blick in den Plenarsaal und hauptsächlich die Flaggen für Deutschland, Berlin und Europa
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Grußwort der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, zur Ausstellungseröffnung „125 Jahre Chorverband – Singen verbindet“

24.03.2026 17:00, Wandelhalle

Wir begehen heute keine gewöhnliche Ausstellungseröffnung, sondern wagen zum Auftakt des 125-jährigen Jubiläums des Chorverbands etwas Neues. Heute sind auch Sie, liebe Gäste, gefragt und herzlich eingeladen, später mitzusingen.
Aber kein Grund zur Sorge, wenn Sie – wie ich – nicht regelmäßig im Chor singen und eher ungeübt sind: Das Ganze findet unter Anleitung von Profis statt.

Dass im Berliner Landesparlament gesungen wird, ist gar nicht so ungewöhnlich, wie Sie vielleicht denken. Es hat mittlerweile schon Tradition, dass uns jeden Januar Sternsingerinnen und Sternsinger mit ihrem Segen und Gesang beglücken. Und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Haus können in der Vorweihnachtszeit ihre Stimme beim gemeinsamen Adventssingen zum Besten geben.

Natürlich gibt es auch zahlreiche Veranstaltungen, zu deren Programm oftmals Musik und Gesang gehören. Das alles findet allerdings in einem kleinen Rahmen statt.
Der Chorverband Berlin hingegen ist die größte Amateurmusikorganisation unserer Hauptstadt. Er umfasst mehr als 340 Ensembles mit über 12.000 Mitgliedern – von Kinder- und Jugendchören bis zu Kammer-, Kirchen- und Popformationen.

Sie sehen schon: Der Verband deckt ein breites Spektrum ab und bringt Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, Kantoreien und Kirchengemeinden zusammen. Dementsprechend sind auch die Mitwirkenden so vielfältig und bunt wie Berlin selbst. Der Verband ist Ausdruck gelebter Demokratie und bildet einen Querschnitt unserer Gesellschaft ab. Menschen mit verschiedenen Hintergründen und Prägungen kommen zusammen, um sich einer gemeinsamen Sache zu widmen.

Ähnlich verhält es sich auch hier im Parlament mit uns Abgeordneten. Wir vertreten teils sehr unterschiedliche Meinungen und ringen um Lösungen. Uns verbindet dabei ein gemeinsamer Auftrag: Politik für die Berlinerinnen und Berliner zu machen. Klar müssen wir dabei auch einige Kompromisse eingehen. Am Ende steht das Ziel, Bedingungen für ein friedliches und möglichst faires Zusammenleben in unserer Stadt zu schaffen.

Ob Chor oder Plenardebatte: Die Stimme zu erheben ist ausdrücklich erwünscht – das gehört zur Demokratie dazu.
In 125 Jahren Geschichte gab es sicherlich einige Momente, in denen Stimmen erhoben, aber nicht gehört wurden oder bei denen Kompromisse nötig waren. Es lohnt sich auf jeden Fall, einen Blick zurückzuwerfen. Schließlich war es eine prägende Zeit mit einer wechselvollen Geschichte, die auch das Abgeordnetenhaus gezeichnet hat.

Die Spuren der Vergangenheit – aus der Zeit des Nationalsozialismus, als der Preußische Landtag zum „Haus der Flieger“ umfunktioniert wurde, oder aus der Zeit der DDR-Diktatur, als das Gebäude zum ständigen Sitz der „Stasi“ wurde – sind bis heute sichtbar.

Und so verhält es sich auch beim Berliner Chorverband: Zwischen 1933 und 1945 prägten Stagnation und Bevormundung den Ton. Und auch die darauffolgende deutsche Teilung führte zu gegenläufigen Entwicklungen und brachte auch in dieser Hinsicht kaum Positives.

Erst die Wende 1989/90 und der Zusammenschluss der Ost- und Westberliner Chorvereinigungen zum neuen Berliner Sängerbund versprachen ein neues, zukunftsgewandtes Kapitel des heutigen Vereins. 2006 wurde dann aus dem “Berliner Sängerbund e. V.” der “Chorverband Berlin e. V.”.

Und mein Eindruck ist: Es ist gelungen, die Sängerinnen und Sänger aus den ehemaligen Ost- und Westteilen der Stadt zu vereinen. Das entnehme ich zumindest der Begeisterung und Leidenschaft des lebendigen Vereinslebens. In Gesprächen mit Petra Merkel wird klar, dass es um weitaus mehr als das Singen geht. Die Arbeit in den Chören ist von Toleranz und sozialem Verantwortungsgefühl geprägt: Es geht um Menschen und Verbindungen. Schließlich steht am Ende das Ziel, musikalische Qualität zu erreichen, die die Freude am gemeinsamen Singen nicht außer Acht lässt.

Seit März 2009 ist Petra Merkel Präsidentin des Chorverbandes Berlin. Sie ist Impulsgeberin und steht für Offenheit, Kommunikation und einen Blick über den Tellerrand. Mit ihrem langjährigen Engagement hat sie darauf hingewirkt, den Kontakt zu anderen Verbänden und Einrichtungen zu pflegen. Ganz besonders wichtig ist es ihr aber, vor allem die Bürgerinnen und Bürger Berlins zu erreichen – unabhängig von Generation, kulturellem Hintergrund oder Herkunft.

Diese Geschichte und der Wandel des Verbandes bis zum heutigen Jubiläum sind in der begleitenden Ausstellung aufbereitet. Insbesondere wird auf den Nationalsozialismus und die Wendezeit eingegangen – aber dazu werden Ihnen Petra Merkel und Kaspar von Erffa mehr erzählen.

Es bleibt mir nun noch, Danke zu sagen: für das Engagement und den Willen, Menschen zusammenzubringen und Brücken zu bauen. Zwischen Krisen, Polarisierungen und Ängsten ist das alles andere als selbstverständlich. Das ist gelebte Demokratie – und genau das macht den Chorverband zu einem wichtigen Ort des Zusammenhalts in bewegten Zeiten.

Und so schließt sich auch der Kreis zum Parlament. Denn die Geschichte des Berliner Chorverbands zeigt: Chöre befinden sich oft zwischen der Kunst des Singens, Geselligkeit und Politik.

Vielen Dank!