Grußwort der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, zur Entzündung der Dienerkerze am Chanukkaleuchter
16.12.2025 17:00, Vorplatz des Abgeordnetenhauses
Herzlich willkommen zur feierlichen Entzündung des Chanukkaleuchters auf dem Vorplatz des Abgeordnetenhauses von Berlin. Wir kommen heute zusammen, um Chanukka zu feiern – ein Fest des Lichts und der Hoffnung. Doch wir tun das in einer Zeit, in der uns Dunkelheit nicht nur als Jahreszeit begegnet. Der Terroranschlag in Sydney hat viele Menschen weltweit erschüttert. Unsere Gedanken sind bei den Opfern, ihren Familien und allen, die von dieser Tat betroffen sind. Terror richtet sich immer gegen das friedliche Zusammenleben, gegen Freiheit und gegen die Würde des Menschen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir heute hier stehen – sichtbar, solidarisch und gemeinsam. Dass wir ein Zeichen setzen für Menschlichkeit und gegen Hass.
Es ist wichtig, dass der Chanukka-Leuchter auch in diesem Jahr hier vor dem Berliner Parlament steht – als Symbol für religiöse Freiheit, für das Licht der Hoffnung und für ein Miteinander, das unsere Stadt trägt. Ganz besonders danken möchte ich Rabbiner Yehuda Teichtal, der uns Jahr für Jahr dabei unterstützt, den Chanukkaleuchter hier gemeinsam zu entzünden. Sein Engagement und die vertrauensvolle Zusammenarbeit sind ein starkes Zeichen dafür, wie lebendig jüdisches Leben in Berlin ist – und wie selbstverständlich es zu unserer Stadt gehört. Gerade in Berlin ist das friedliche Zusammenleben verschiedener Gruppen von unschätzbarem Wert.
Mit Einbruch der Dunkelheit am vergangenen Sonntag hat Chanukka begonnen: Das erste Licht an der Chanukkia wurde entzündet. An jedem Abend des achttägigen Lichterfestes kommt nun ein weiteres Licht hinzu. Und auch wenn wir heute hier öffentlich zusammenkommen, ist Chanukka zugleich ein Fest, das häufig im Kreis der Familie oder der Gemeinde gefeiert wird – mit Licht, Nähe und Gemeinschaft. Chanukka fällt in die Weihnachtszeit – eine besinnliche Zeit mit einer ganz besonderen Atmosphäre in unserer Stadt. In vielen privaten Haushalten leuchten Fenster und Fassaden, und auch der öffentliche Raum wird festlich illuminiert. Dabei spielt es keine Rolle, welchem Glauben wir angehören oder welcher Religion wir uns verbunden fühlen: Berlin strahlt und glitzert. Ein Kontrast zur sonst so dunklen Jahreszeit.
Und doch meint diese Dunkelheit nicht nur die Jahreszeit und das Wetter, sondern auch die Stimmung in unserer Gesellschaft. Die derzeitigen Ängste, Unsicherheiten und Spaltungen können bedrückend sein. In Zeiten von Krieg und Terror wirkt die Welt zu oft kalt und unbarmherzig – und vielen Menschen fällt es schwer, Vertrauen in eine bessere Zukunft zu fassen. Ein schönes Sprichwort von Yehuda Teichtal: „Ein kleines Licht vertreibt viel Dunkelheit“. Es braucht also zunächst nicht viele – dafür aber mutige Menschen, die bereit sind, Gutes zu tun, auch wenn es schwerfällt. Mehr denn je braucht es Hoffnung, Zusammenhalt und Verantwortung füreinander. Die Kraft des Lichts schenkt Besinnlichkeit und Mut. Sie kann uns verbinden – und sie hilft uns, die Kraft aufzubringen, weiterzumachen.
Chanukka erinnert an den Kampf um religiöse Freiheit und an den Mut, den es braucht, diese Freiheit zu verteidigen. Es erzählt von einem kleinen Wunder: von einem einzigen Krug Öl, der den Tempel in Jerusalem acht Tage lang erleuchten konnte. Diese Geschichte lehrt uns, dass selbst wenig ausreichen kann, um Großes zu bewirken.
Meine Damen und Herren,
an diesem Ort wird ab Mai 2026 der Name einer besonderen Frau stehen. Einer Frau, die uns immer wieder daran erinnert hat, wohin Gleichgültigkeit führen kann – und wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen. Margot Friedländer war Teil dieser Chanukka-Tradition hier bei uns vor dem Abgeordnetenhaus. Mit eindringlichen Worten hat sie an uns alle appelliert, nicht auf religiöse oder ethnische Unterschiede zu schauen: „Es gibt kein jüdisches, kein muslimisches und kein christliches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Seid Menschen.“
Wenn wir heute das Licht der Chanukkia entzünden, dann tun wir das auch in ihrem Sinne: als Zeichen dafür, dass wir jüdisches Leben schützen, dass wir für Respekt und Zusammenhalt einstehen und dass wir das Licht nicht der Dunkelheit überlassen. Möge dieses Licht uns durch die kommenden Tage begleiten – als Zeichen der Zuversicht, der Menschlichkeit und des friedlichen Miteinanders.
Vielen Dank.