Grußwort der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, zur Queerpolitischen Podiumsdiskussion
25.06.2026 08:30, Abgeordnetenhaus, Casino
Wenn wir heute über die Bekämpfung queerfeindlicher Gewalt sprechen, dann sprechen wir vor allem auch über die Frage, ob Menschen in unserer Stadt frei und sicher leben können. Es geht um die Würde des Einzelnen, um gleiche Rechte für alle und letztlich um den Zustand unserer Demokratie.
Die aktuellen Entwicklungen geben Anlass zur Sorge. Der neue Maneo-Report dokumentiert allein im vergangenen Jahr in Berlin mehr als 700 queerfeindliche Übergriffe und Diskriminierungsfälle. Bundesweit registrierten die Sicherheitsbehörden 2025 insgesamt sogar 2.377 Straftaten in diesem Zusammenhang. Das ist ein Anstieg um mehr als zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders alarmierend ist dabei der hohe Anteil von Gewaltdelikten.
Hinter diesen Zahlen stehen Menschen. Menschen, die beleidigt, bedroht oder körperlich angegriffen wurden. Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität Ausgrenzung und Angst erfahren mussten. Das darf uns nicht gleichgültig sein.
Gewalt entsteht dort, wo Menschen entmenschlicht werden. Demokratie entsteht dort, wo Menschen einander sehen und begegnen.
Berlin versteht sich als Regenbogenhauptstadt. Menschen weltweit verbinden unsere Stadt mit Freiheit, Offenheit und der Möglichkeit, das eigene Leben selbstbestimmt gestalten zu können.
Gerade deshalb dürfen wir nicht wegsehen, wenn Menschen in unserer Stadt Gewalt oder Diskriminierung erfahren. Sichtbarkeit allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, ob Menschen sich im Alltag sicher fühlen – sei es auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Veranstaltungen oder im eigenen Kiez.
Die Berliner Landesstrategie für queere Sicherheit und gegen Queerfeindlichkeit ist ein wichtiger Schritt. Sie wurde vom Senat gemeinsam mit den queeren Communitys unserer Stadt entwickelt und zeigt, dass Politik, Verwaltung, Polizei, Community und Zivilgesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Maßnahmen wie die Sensibilisierungskampagne gegen queerfeindliche Gewalt im öffentlichen Nahverkehr oder die stärkere Vernetzung von Sicherheitsbehörden und Community-Einrichtungen können dazu beitragen, Schutzräume zu schaffen und Betroffene zu stärken.
Gleichzeitig wissen wir, dass Gesetze, Strategien und Programme allein das Problem nicht lösen werden. Entscheidend ist das gesellschaftliche Klima, in dem wir leben.
Deshalb ist gesellschaftliche Sichtbarkeit so wichtig. Akzeptanz entsteht nicht von selbst. Sie entsteht, weil Menschen den Mut haben, sichtbar zu sein, für ihre Überzeugungen einzustehen und Vorurteile infrage zu stellen. Beispiele dafür finden wir auch in der Politik.
Vor 25 Jahren bekannte sich Klaus Wowereit öffentlich zu seiner Homosexualität. Sein Satz „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ wurde weit über Berlin hinaus zu einem Symbol für gesellschaftliche Offenheit. Heute erleben wir vielerorts eine größere Selbstverständlichkeit queeren Lebens im öffentlichen Raum und in politischen Ämtern. Das ist ein Fortschritt, den wir nicht unterschätzen sollten.
Doch Fortschritt ist niemals unumkehrbar.
Der Blick nach Europa und in die Welt zeigt dies sehr deutlich. In den vergangenen Jahren wurden in verschiedenen Ländern Rechte von Minderheiten infrage gestellt oder eingeschränkt. Umso bemerkenswerter ist es, wenn Entwicklungen auch in die andere Richtung gehen. Dass die Pride-Parade in Budapest in diesem Jahr wieder offiziell stattfinden kann, nachdem sie im vergangenen Jahr untersagt worden war, macht Mut.
Deshalb gilt: Die Rechte von Minderheiten sind niemals ein Nischenthema. Sie sind ein Gradmesser für den Zustand unserer Demokratie. Wo Menschen aufgrund ihrer Identität eingeschüchtert oder ausgegrenzt werden, gerät immer auch das Versprechen gleicher Freiheit für alle unter Druck.
Der Christopher Street Day erinnert jedes Jahr daran, dass gesellschaftlicher Fortschritt und demokratische Teilhabe eng miteinander verbunden sind. In wenigen Monaten steht zudem die Wahl zum Abgeordnetenhaus bevor. Vor diesem Hintergrund erhält das diesjährige Motto „Haltung ist hot“ eine besondere Aktualität. Ergänzt wird es durch Botschaften wie „Deine Stimme steht dir gut“ oder „Green Flags gehen wählen“.
Das ist mehr als ein Aufruf zur Wahlbeteiligung. Es ist eine Erinnerung daran, dass Demokratie vom Mitmachen lebt. Fortschritte entstehen nicht von selbst. Sie entstehen, weil Menschen ihre Stimme erheben, sich einbringen und für ihre Rechte eintreten.
Bei allen Herausforderungen gibt es zugleich Grund zur Hoffnung. Berlin verfügt über eine starke Zivilgesellschaft, über engagierte Initiativen, Beratungsstellen, Verbände und viele Menschen, die nicht wegsehen, wenn andere ausgegrenzt oder angegriffen werden.
Auch die heutige Veranstaltung ist Ausdruck dieser Haltung. Sie bringt Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, aber einem gemeinsamen Ziel zusammen: einem respektvollen und sicheren Zusammenleben.
Ich danke allen, die sich täglich für die Rechte anderer einsetzen und Verantwortung übernehmen. Und ich wünsche uns nun eine offene, konstruktive und erkenntnisreiche Diskussion.
Vielen Dank.