Kanzelrede der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, im Rahmen des Gottesdienstes in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
08.03.2026 10:00, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Lukas 9, 57–62
„Keiner, der die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“ (Lk 9,62)
Der Text für den heutigen Sonntag – das haben wir eben schon gehört - ist unbequem. Kein Friede-Freude-Eierkuchen-Versprechen, wie wir es uns ja alle gern ersehnen.Vielmehr macht Jesus uns deutlich, dass nicht wir Menschen die Inhalte der Nachfolge und damit auch unseres Glaubens für unser Leben passend machen – sondern er – Jesus – klare und unmissverständliche Vorstellungen hat.
Im Bibeltext wollen drei Menschen Jesus folgen. Drei Menschen haben gute, nachvollziehbare Gründe zu zögern: Erst noch Abschied nehmen. Erst noch den Vater begraben. Erst noch Sicherheiten klären.
Und Jesus?
Er antwortet hart. Fast unerbittlich.
Wir hören diese Worte in einer Zeit, in der wir uns angewöhnt haben zu sagen: „Ja, aber …“ und in der wir gern meinen – und ich muss mich hier ausdrücklich selbst mit einschließen – selbst definieren zu können, wie sich unser Glauben, aber auch die wesentlichen Fragen unserer Zeit, definieren.
Ja, wir wollen Gerechtigkeit – aber bitte ohne Nachteile.
Ja, wir wollen Frieden – aber bitte ohne Kosten, Risiko und persönliches Engagement, wenn es z. B darum geht, die eigenen Kinder im Wehrdienst zu sehen. Bitte ohne moralische Konflikte, wie im Falle des Angriffs auf das Terrorregime im Iran.
Ja, wir wollen Klimaschutz – aber bitte ohne Veränderung unseres Lebensstils.
Ja, wir wollen Menschlichkeit – aber bitte ohne Zumutung.
Jesus duldet dieses „Ja, aber“ nicht.
Er spricht in eine Welt, die sich absichert, gewohnt ist, zu diskutieren und – viel zu oft auch faule – Kompromisse zu finden.
Er spricht in eine Gesellschaft, die ständig zurückblickt: auf vermeintlich bessere Zeiten, auf alte Ordnungen, auf nationale Mythen, auf vergangene Sicherheiten.
„Wer die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist nicht brauchbar.“
Das ist kein Aufruf zur Gefühlskälte.
Es ist ein Aufruf zur Entschiedenheit, zur Kompromisslosigkeit, zur Konzentration auf das Wesentliche.
Der Pflug – das ist ein Bild für Verantwortung.
Wer pflügt, zieht Furchen für die Zukunft. Für die Ernte des kommenden Herbstes.
Wer zurückblickt, zieht krumme Linien.
Wir leben in einer Zeit krummer Linien.
Wir sehen Demokratien, die unter Druck geraten.
In Europa, in den USA. Die Zahl der autokratischen Regime steigt weltweit.
Wir erleben Debatten, in denen Angst oder auch das Festhalten am Bisherigen lauter sind als Vernunft.
Wir haben uns eingerichtet, in der vermeintlichen inneren wie äußeren Sicherheit der letzten Jahrzehnte und tun uns nun schwer mit dem Entschluss, Frieden, Freiheit, Sicherheit und Rechtsstaat auch zu verteidigen. Unter Einsatz materieller wie immaterieller Güter.
Doch das Reich Gottes entsteht nicht durch Rückzug, durch Festhalten am Alten.
Es entsteht nicht durch Nostalgie.
Es entsteht durch Menschen, die sich trauen, nach vorne zu gehen.
Jesus ruft nicht in die Komfortzone.
Er ruft in die Verantwortung.
Das bedeutet politisch:
Christlicher Glaube ist nie unpolitisch.
Er mischt sich ein – für die Würde jedes Menschen.
Für den Schutz der Schwachen.
Für eine gerechte Wirtschaftsordnung.
Für Frieden, auch wenn es dazu manchmal erst Verteidigungsfähigkeit braucht.
Für die Bewahrung der Schöpfung.
Wer Jesus folgt, kann nicht sagen: „Das geht mich nichts an.“
Denn Nachfolge heißt: Prioritäten neu ordnen.
Die Toten begraben – das war eine heilige Pflicht.
Und doch sagt Jesus: „Lass die Toten ihre Toten begraben.“
Provokant? Ja.
Aber er sagt: Lass dich nicht lähmen von dem, was war.
Vergangenheit darf nicht zur Ausrede werden, die Gegenwart nicht anzunehmen und die Zukunft nicht zu gestalten.
Wir stehen vor globalen Herausforderungen, wie vielleicht das letzte Mal nach Ende des zweiten Weltkrieges.
Klimakrise.
Krieg in Europa, erneut im Nahen Osten.
Machtzuwachs der Großmächte ohne regelbasierte Ordnung.
Die sicher geglaubte Schutzmacht USA erwartet zumindest Selbständigkeit der Europäer – die transatlantische Freundschaft ist brüchig geworden.
Wachsende soziale Ungleichheit in Deutschland – in Europa.
Wir können zurückblicken – und uns einreden, früher sei alles einfacher gewesen – besser.
Oder wir können pflügen.
Pflügen heißt:
Unbequeme Entscheidungen treffen.
In der Vorbereitung zu diesen Versen des Evangeliums musste ich an den kanadischen Premierminister
Marc Carney denken. Carney hat in Davos beim Weltwirtschaftsforum in aller Deutlichkeit dargestellt, dass die bisherige internationale Ordnung zerbricht. Großmächte nutzen ihre Macht, weil sie es können. Er weist schonungslos darauf hin, dass auch wir in der Vergangenheit in einer noch regelbasierten Welt bereits mit zweierlei Maß gemessen haben.
Nun müssen wir uns ehrlich machen. Die Mittelmächte müssen sich vom Einfluss der Großmächte befreien und flexibel je nach Thema kooperieren. Ziel sind resiliente Lieferketten, Wirtschaftliche Unabhängigkeit und gemeinsame Sicherheitsprojekte.
Carney beschreibt unumwunden den Untergang der neuen Ordnung, schwelgt nicht im Vergangenen, sondern richtet den Blick mutig nur nach vorn.
Er zieht die gerade Furche mit dem Pflug.
Für diese Art der Nachfolge – wie Jesus sie fordert - gibt es also auch 2000 Jahre später ganz weltliche Beispiele und Notwendigkeiten.
Aber es ist eben nicht nur die große Politik adressiert. Jesus meint Jede und Jeden von uns:
Strukturen verändern.
Solidarität nicht nur predigen, sondern organisieren.
Christliche Hoffnung nicht als Trostpflaster benutzen, sondern als Antrieb.
Nachfolge ist keine Nebenbeschäftigung.
Sie ist keine Option unter vielen.
Sie ist ein Richtungswechsel.
Und ja – das kostet etwas.
Es kostet Bequemlichkeit.
Es kostet manchmal Ansehen.
Es kostet Mut.
Aber es schenkt Klarheit.
Denn das Reich Gottes ist kein Rückspiegelprojekt.
Es ist eine Zukunftsbewegung.
Darum fordert Lukas heute auf:
Wo schauen wir zurück, statt voranzugehen?
Wo verstecken wir uns hinter Tradition, statt vom Geist bewegen zu lassen?
Wo sagen wir „später“, obwohl jetzt die Zeit ist?
Jesus ruft in die Gegenwart.
Radikal.
Dringlich.
Unmissverständlich.
Und vielleicht ist genau das politisch an diesem Text:
Er duldet keine halbherzige Nachfolge.
Nicht damals.
Nicht heute.
„Keiner, der die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“
Möge Gott uns den Mut schenken, gerade Furchen zu ziehen.
Für eine gerechtere Welt.
Für eine menschlichere Gesellschaft.
Für ein Morgen, das mehr ist als die Verlängerung eines verklärten Gestern.
Amen.