Rede der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, anlässlich der Festveranstaltung zum 150. Geburtstag des Berliner Ehrenbürgers Konrad Adenauer
18.02.2026 17:00, Abgeordnetenhaus, Festsaal
Als Konrad Adenauer 1949 im Alter von 73 Jahren zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde, hatte er bereits viele politische Umbrüche erlebt:
- zwei Weltkriege,
- den Untergang der Monarchie,
- das Scheitern der Weimarer Republik
- sowie die Gewaltherrschaft einer totalitären Diktatur.
Die Herausforderungen für den neuen Staat waren unvorstellbar. Deutschland war moralisch wie materiell vollkommen bankrott. Das Land war geteilt und unter der Kontrolle der vier Siegermächte. Millionen Menschen lebten in Not. Vor allem aber lastete die Schuld der nationalsozialistischen Verbrechen schwer auf jeder Entscheidung. Sie war eine äußerst schwere Hypothek für die Gestaltung der Zukunft. Es gab kein unbeschriebenes Blatt. Es gab Verantwortung.
Adenauer nahm sie mit zwei klaren Grundsätzen an:
„Wir wählen die Freiheit“ und
„Europa muss geschaffen werden“.
Diese waren alles andere als selbstverständlich. Viele Deutsche wollten Neutralität statt Westbindung. Planwirtschaft statt Eigeninitiative. Nationalen Alleingang statt europäischer Einbindung. Adenauer entschied anders: Nicht aus Naivität – sondern aus nüchterner politischer Klugheit. Schon vor der Diktatur war er 16 Jahre lang Oberbürgermeister der damals drittgrößten Stadt Deutschlands - Köln - und zwölf Jahre Präsident des Preußischen Staatsrates. Er brachte also große politische Erfahrung mit, die in seine Entscheidungsfindungen einfloss.
Mit dem Ende des Krieges und der Erkenntnis, dass es der Alliierten bedurfte, um Deutschland vom Nationalsozialismus zu befreien, entdeckte er – wie er es selbst ausdrückte – seine „Ellbogen“.Er wurde zum wichtigsten Politiker einer damals neuen, konfessionsübergreifenden und sich auf das christliche Menschenbild berufenden Partei – der CDU Und dann – mit der knappsten aller möglichen Mehrheiten – Kanzler. Und aus dieser knappen Wahl erwuchs eine Ära. Konrad Adenauer wurde viermal zum Bundeskanzler gewählt – 1949, 1953, 1957 und 1961. 1957 errangen die Unionsparteien die absolute Mehrheit im Deutschen Bundestag – ein bis heute einmaliger Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik.
Vierzehn Jahre lang prägte er die politische, wirtschaftliche und außenpolitische Grundausrichtung unseres Landes wie kein Zweiter. Er war überzeugt:
Die junge Bundesrepublik konnte ihre Souveränität nur gewinnen, wenn sie Vertrauen schuf. Und Vertrauen entstand nicht durch Machtanspruch, sondern durch Selbstbindung.
Die Westbindung, die europäische Integration, die Soziale Marktwirtschaft – all das war riskant, umstritten und politisch hoch umkämpft. Die Impulse vieler Zeitgenossen und der politischen Konkurrenz – auch innerhalb der eigenen Partei – gingen anfangs in eine andere Richtung. Adenauers Entscheidungen aber waren Entscheidungen mit Weitblick. Dabei ging es Adenauer keineswegs um Altruismus oder die Selbstaufgabe deutscher Interessen. Ganz im Gegenteil. Europa war für ihn kein Selbstzweck. Es war das Mittel, um Frieden zu sichern, Freiheit zu schützen und nationale Alleingänge unmöglich zu machen. Dieses Denken ist heute von erstaunlicher Aktualität. Adenauer wusste: Ein geeintes Europa hat Gewicht. Ein zersplittertes Europa ist erpressbar.
Besonders deutlich wurde dieser Gedanke in der Aussöhnung mit Frankreich, die ihm besonders am Herzen lag. Noch wenige Jahre zuvor standen sich beide Länder als erbitterte Kriegsgegner gegenüber. Mit Präsident Charles de Gaulle suchte Adenauer bewusst die persönliche und politische Annäherung. Der Élysée-Vertrag von 1963 wurde zum Fundament der deutsch-französischen Freundschaft – und damit zum Motor der europäischen Einigung. Aus jahrzehntelanger Feindschaft wurde partnerschaftliche Verantwortung für Europa. Ebenso sichtbar wurde das in der Verbindung von europäischer Integration und deutscher Souveränität. Die Ablösung des Besatzungsstatuts war eng verknüpft mit dem Versuch, eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu schaffen. Ziel war eine gemeinsame westeuropäische Armee, die Deutschland Sicherheit geben sollte. Als Frankreich den Vertrag nicht ratifizierte, scheiterte dieses Projekt. Stattdessen folgte der Beitritt der Bundesrepublik zur NATO. Mit ihm gewann Deutschland 1955 seine staatliche Souveränität zurück – eingebettet in ein westliches Bündnis, das Sicherheit und Verlässlichkeit versprach.
Adenauer wusste zugleich um die besondere Verwundbarkeit Berlins. Die isolierte Lage der Westsektoren machte die Stadt zu einem besonders sensiblen Ort im Kalten Krieg. Hier entluden sich internationale Spannungen unmittelbar. Für Adenauer war Berlin deshalb kein Randthema, sondern ein Prüfstein für die Handlungsfähigkeit der jungen Bundesrepublik. Für ihn war klar: Nur eine freie, wirtschaftlich starke und fest im Westen verankerte Bundesrepublik konnte langfristig den Weg zur Wiedervereinigung öffnen. Voraussetzung dafür war ein freies Europa – und die uneingeschränkte Präsenz der Westalliierten in Berlin. Diese Haltung verlangte den Berlinerinnen und Berlinern große Opfer ab – von der Blockade bis zum Mauerbau.
Adenauer war sich dessen bewusst. Zugleich wusste er, wie entscheidend die Standfestigkeit der westlichen Partner war. Zweifel an dieser Verlässlichkeit begleiteten ihn bis an sein Lebensende – ebenso wie die Erfahrung, dass politische Verlockungen und Erpressungsversuche kein neues Phänomen sind.
In seiner letzten großen Rede 1967 in Madrid brachte Adenauer diesen Gedanken noch einmal auf den Punkt. Er machte deutlich, dass Europa nur dann Gewicht habe, wenn es geeint auftrete. Länder, die ihre Freiheit bewahren oder zurückgewinnen wollten, müssten sich zusammenschließen. Europa dürfe sich dabei nicht nach innen abschließen, sondern müsse offen sein – auch für Spanien und perspektivisch für die Staaten Osteuropas. Adenauer wusste auch hier: Einzelne Staaten können von den Großmächten übergangen werden. Die Stimme eines geeinten Europas hingegen muss gehört werden. Mit bemerkenswerter Aktualität formulierte er deshalb einen Satz, der bis heute trägt:
„Die Interessen Europas und die der Vereinigten Staaten sind nicht immer identisch. Umso wichtiger ist es, dass Europa durch seine Einigung in der Lage ist, seine eigenen Interessen zur Geltung zu bringen.“
Das war kein antiamerikanischer Gedanke. Es war ein europäischer! Und er ist bis heute hochaktuell. Zu Adenauers politischem Vermächtnis gehört untrennbar auch seine Haltung zur deutschen Schuld und zur Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk sowie dem Staat Israel.
Schon in Köln war er in beständigem Austausch mit der jüdischen Bevölkerung seiner Stadt. Er unterstützte die orthodoxe Gemeinde, schätzte jüdische Professoren und Künstler und wurde von einem liberalen Juden wie Louis Hagen entscheidend gefördert. Er bekannte sich früh – in einer Zeit, in der dies in der deutschen Gesellschaft auf wenig Zustimmung stieß – zur Verantwortung Deutschlands für die Verbrechen des Holocaust. Aber auch in Israel gab es tiefes Misstrauen.
1950 suchte er vorsichtig Kontakt zum neuen Staat Israel und zur Jewish Claims Conference. Die Entscheidung für das Wiedergutmachungsabkommen war politisch riskant – und moralisch notwendig. Sie fiel zusammen mit den Verhandlungen über das Londoner Schuldenabkommen, in dem die Bundesrepublik für die Schulden des Deutschen Reiches einstehen sollte.
Am 18. März 1953 erhielt Adenauer bei der Abstimmung im Bundestag über das Wiedergutmachungsabkommen keine eigene Mehrheit. Mit Unterstützung aller Sozialdemokraten wurde das Israel-Abkommen dennoch gebilligt. Adenauer und die kühlen Pragmatiker Israels um Ben Gurion setzten sich durch. Die finanzielle Unterstützung wurde zum Überleben des Staates dringend benötigt.
Eines stand fest:
Ohne Wahrheit gibt es keine Versöhnung. Ohne Verantwortung keine Zukunft.
Die Härte der politischen Auseinandersetzungen in der ersten Phase der Bundesrepublik ist heute kaum noch nachvollziehbar. Konrad Adenauer hat kräftig ausgeteilt – und manches einstecken müssen. Besonders bezeichnend ist deshalb, dass er im Oktober 1963 in West-Berlin die Ehrenbürgerurkunde der Stadt aus den Händen von Willy Brandt entgegennehmen durfte.
Nach dem Tod Konrad Adenauers würdigte Willy Brandt ihn zu Recht als „Architekt der Bundesrepublik Deutschland, als Staatsmann von europäischem Rang und Persönlichkeit von geschichtlicher Größe“.
Konrad Adenauer hat einmal gesagt:
„Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“
Sein politisches Lebenswerk war der Versuch, diesen Horizont zu erweitern – durch Verantwortung, durch Mut und durch klare Entscheidungen. Darin liegt sein Vermächtnis. Und darin liegt auch eine bleibende Verpflichtung für uns.
Vielen Dank.