1. zur Suche
  2. zur Hauptnavigation
  3. zum Inhalt
  4. zum Bereichsmenü
Blick in den Plenarsaal und hauptsächlich die Flaggen für Deutschland, Berlin und Europa
Nach unten

Rede der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, anlässlich der Verleihung der Louise Schroeder Medaille 2026

28.04.2026 17:00, Abgeordnetenhaus, Festsaal

Ich heiße Sie alle sehr herzlich im Festsaal des Abgeordnetenhauses von Berlin willkommen.

Heute verleihen wir die Louise-Schroeder-Medaille an Dorothea Zimmermann.

Eine Auszeichnung, die für Haltung steht – und für Verantwortung. Sie erinnert an eine Frau, deren Wirken bis heute Maßstäbe setzt: Louise Schroeder. Ihr Lebensweg steht für Aufstieg durch Bildung, für Solidarität und für den Mut, Verantwortung zu übernehmen.

Als Kind wuchs sie in prekären Verhältnissen auf. Was ihr half, war Unterstützung aus der Familie und aus der Arbeiterbewegung – und der eigene Wille, ihren Weg zu gehen.

Ihre ältere Schwester Anna ermöglichte es ihr, nach der Mittelschule zusätzlich die kaufmännische Gewerbeschule für Mädchen zu besuchen – finanziert von ihrem eigenen, schmalen Einkommen als Hausmädchen.

Durch ihren Vater fand sie früh Zugang zur Sozialdemokratie. Zu einer Zeit, in der Frauen weder wählen noch politisch mitwirken durften. Dass sie trotzdem ihren Weg in die Politik fand, zeigt, wie außergewöhnlich ihr Engagement war.

Mit Begabung, Ehrgeiz und großer Disziplin wurde Louise Schroeder zur Pionierin – für Frauen, aber vor allem für soziale Gerechtigkeit. 1919 war sie Mitgründerin der Arbeiterwohlfahrt. Sie setzte sich für Jugendwohlfahrt, Mutterschutz und bessere Arbeitsbedingungen ein. Als Gewerkschafterin war ihr der Achtstundentag besonders wichtig.

Als eine von 18 Frauen wurde sie in die verfassungsgebende Nationalversammlung und anschließend in den Reichstag gewählt.

Und sie bewies Mut, als es darauf ankam: 1933 lehnte sie das Ermächtigungsgesetz ab – ein klares Bekenntnis zur Demokratie, unter persönlichem Risiko. Gemeinsam mit Wilhelm Hoegner überzeugte sie die SPD-Fraktion, an der Abstimmung teilzunehmen.

Nach dem Krieg übernahm sie Verantwortung für diese Stadt – als kommissarische Oberbürgermeisterin von Berlin. Bis zu ihrem Tod 1957 blieb sie als Mitglied des Deutschen Bundestages politisch aktiv.

Was für ein Leben. Was für ein Einsatz für Chancengerechtigkeit, Gleichstellung und Demokratie.

Genau dieser Anspruch prägt auch die Louise-Schroeder-Medaille. Sie würdigt Persönlichkeiten oder Institutionen, die dieses Vermächtnis in die Gegenwart tragen.

Und damit komme ich zu unserer diesjährigen Preisträgerin, Dorothea Zimmermann.

Ich möchte der Laudatio nicht vorgreifen – aber eines möchte ich hervorheben: Sie stehen für ein Engagement und eine außergewöhnliche fachliche Expertise. Beides ist heute unverzichtbar.

1983 gründete sich Wildwasser e. V. – zu einer Zeit, in der sexualisierte Gewalt an Mädchen und Frauen kaum öffentlich thematisiert wurde.

Heute wissen wir: Dieses Thema ist weiterhin erschreckend präsent. Die mutmaßliche Vergewaltigung einer 16-Jährigen in einem Jugendzentrum in Neukölln oder der digitale Missbrauch der Persönlichkeitsrechte der Schauspielerin Collien Fernandes zeigen, wie aktuell diese Problematik ist.

Durch Ihr langjähriges Engagement als Geschäftsführerin hat sich Wildwasser e. V. Berlin zu einer unverzichtbaren Säule des Berliner Hilfesystems entwickelt. Sie schufen Strukturen, die Schutz bieten, Orientierung geben und Betroffenen eine Stimme verleihen.

Der Verein steht für professionelle und niedrigschwellige Beratung – und für eine klare Haltung: hinsehen, unterstützen, verändern.

Ihre verantwortungsvolle und vorausschauende Arbeit wirkt weit über Berlin hinaus. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass aus einem lange verdrängten Thema ein gesellschaftlich anerkanntes Handlungsfeld geworden ist.

Damit stehen Sie in einer Tradition, die auch Louise Schroeder geprägt hat: Verantwortung zu übernehmen und gesellschaftliche Veränderungen voranzubringen.

Im Namen des Abgeordnetenhauses und persönlich danke ich Ihnen dafür herzlich. Mein Dank gilt ebenso dem Louise-Schroeder-Kuratorium für die Auswahl dieser herausragenden Preisträgerin.

Meine Damen und Herren, Fortschritt entsteht nicht von selbst. Er braucht Menschen, die ihn voranbringen.

Louise Schroeder hat das getan. Und Dorothea Zimmermann tut es heute.

Ich wünsche uns allen eine schöne Feier – und den Mut, im Sinne Louise Schroeders auch weiterhin für eine gerechtere Gesellschaft einzutreten.

Vielen Dank!