Rede der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, anlässlich des Gedenkkonzerts zum Volkstrauertrag des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge
16.11.2025 20:00, Berliner Dom
Der Volkstrauertag ist ein Tag des stillen Gedenkens – und ein Tag der Besinnung darauf, wie wir heute mit Krieg, Gewalt und Terror umgehen. Wir brauchen diese Momente des Innehaltens. Und wir brauchen Orte des Gedenkens – damit das, was geschehen ist, nicht verdrängt wird. Gedenktage und Denkmäler zeigen, welche Erfahrungen wir im Bewusstsein kommender Generationen bewahren und lebendig halten wollen.
Vor 80 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Es war der größte militärische Konflikt der Menschheitsgeschichte. Über 75 Millionen Menschen kamen ums Leben. Sie starben durch kriegerische Handlungen, durch organisierten Mord bei Massenerschießungen und in Konzentrationslagern an Hunger, im Feuersturm der Bombenangriffe, auf der Flucht, in Kriegsgefangenschaft, in der Folge von Vertreibung und als Opfer von Zwangsarbeit. Hinzu kamen Millionen, die verwundet, verstümmelt, entstellt, vergewaltigt wurden. Unsere Vorstellungskraft versagt – sie muss versagen – angesichts dieses unfassbaren Ausmaßes an Leid.
Die Schlacht um Berlin, vom 21. April bis 2. Mai 1945, steht sinnbildlich für die Brutalität dieses Krieges. Obwohl er längst verloren war, befahl Hitler noch immer den Krieg bis zum letzten Mann. Die Spuren dieser Kämpfe sind im Berliner Stadtbild an vielen Orten noch sichtbar: in der Nähe des Berliner Doms, an der Granitschale im Lustgarten vor dem Alten Museum und im Säulengang der Alten Nationalgalerie. Dort kann man die Einschusslöcher aus jenen Tagen noch sehen.
In Berlin gibt es rund 170 Begräbnisplätze, auf denen etwa 150.000 Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft bestattet sind. Viele von ihnen kamen in den letzten Tagen der Befreiung vom nationalsozialistischen Regime ums Leben. Neben den Soldatenfriedhöfen liegen die meisten Gräber auf den landeseigenen und konfessionellen Friedhöfen im gesamten Stadtgebiet. Wenig macht die Folgen von Krieg und Diktatur deutlicher als ein Besuch auf diesen Grabfeldern. Seit über 100 Jahren pflegt der Volksbund die Gräber der Kriegstoten und hält ihre Erinnerung wach. Jedes Jahr werden noch immer rund 15.000 Kriegsopfer umgebettet. Für viele Angehörige bleibt der Volksbund bis heute ein wichtiger Ansprechpartner, um Schicksale zu klären.
Aus den Trümmern zweier Weltkriege erwuchs auf unserem Kontinent der Wille, ein freies und friedliches Europa zu schaffen – und das ist weitgehend gelungen. Ausnahmen sind der Völkermord und der Krieg im ehemaligen Jugoslawien sowie der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Die Bürgerinnen und Bürger, die in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union leben, dürfen sich seit vielen Jahrzehnten an einem friedlichen Miteinander erfreuen.
Das Projekt Europa ist deshalb auch aus Sicht anderer Teile der Welt ein beispielloser Erfolg. Erinnerungskultur verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In die Zukunft weist die Bildungs- und Jugendarbeit des Volksbundes. Es ist ein gutes Zeichen, dass sich Jahr für Jahr Tausende junger Menschen im In- und Ausland freiwillig in Workcamps zusammenfinden, um auf Soldatenfriedhöfen zu helfen. Sie setzen sich damit auseinander, was der Krieg mit Menschen macht – und was Menschen im Krieg gemacht haben. Dieser praktische Geschichtsunterricht geschieht in einer Gemeinschaft junger Menschen aus vielen unterschiedlichen Herkunftsländern. Das hilft ihnen, Grenzen auf der Karte wie im Kopf zu überwinden. Für seine engagierte Jugendarbeit möchte ich dem Volksbund ganz besonders danken.
Aus den Erfahrungen der Vergangenheit und der Gegenwart können wir nur eine Schlussfolgerung ziehen: Wir alle tragen Verantwortung, unsere Freiheit und die Freiheit unseres Landes zu gestalten. In nur kurzer Entfernung, in der Ukraine, müssen wir miterleben, wie alle Hoffnungen auf ein friedliches Miteinander durch den brutalen Überfall des autoritären Regimes in Russland zerstört wurden. Diktatur und Unfreiheit schaffen keinen Frieden. Dauerhaften Frieden gibt es nur in Freiheit. Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit. Das gilt mehr denn je – für die äußeren Bedrohungen unserer Demokratie, vor denen uns die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr schützen. Und um diese Freiheit zu bewahren, muss Deutschland verteidigungsfähig sein. Wer weiß das besser, als wir Berlinerinnen und Berliner mit unseren Erfahrungen aus dem kalten Krieg. Wir alle schulden unseren Soldatinnen und Soldaten für Ihren Einsatz Anerkennung und Unterstützung.
Es gilt aber auch der inneren Bedrohungen unserer Demokratie entgegenzutreten, wenn uns Extremisten unterschiedlicher Couleur mit Gewalt einschüchtern wollen. Der Volkstrauertag ist ein Tag der Erinnerung und der Besinnung – des Gedenkens an die Opfer von Krieg und Gewalt. Das Vermächtnis der Toten ist unsere dauerhafte Verpflichtung für Freiheit, Frieden und Demokratie. Vielen Dank.