Rede der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, für das Dialogformat mit wohnungs- und obdachlosen Menschen
11.06.2026 12:30, Abgeordnetenhaus, Vorplatz
Herzlich willkommen und vielen Dank, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind.
Der Platz, auf dem wir heute stehen, trägt seit wenigen Wochen den Namen einer besonderen Frau: Margot Friedländer. Sie hat einmal gesagt: Wir sind alle Menschen! Ein einfacher Satz, der auch sehr gut zu unserem heutigen Anlass passt.
Natürlich haben wir unterschiedliche Lebensrealitäten, Erfahrungen und Prägungen. Manche von uns verfügen über ein sicheres Zuhause, andere nicht. Manche haben ein stabiles familiäres Umfeld, andere stehen weitgehend allein da. Aber eines verbindet uns alle: Wir sind Menschen. Und wir sind Teil dieser Stadt.
Deshalb möchte ich auch heute betonen, dass das Abgeordnetenhaus von Berlin auch Ihr Parlament ist. Die Politik, die hier gemacht wird, betrifft alle Berlinerinnen und Berliner. Auch Sie. Und auch Ihre Themen haben hier Raum. Heute hier bei unserem gemeinsamen Treffen. Aber auch gerade im Ausschuss für Arbeit und Soziales haben wir den Rahmen und die Möglichkeit der Kältehilfe ausgiebig thematisiert.
Mir ist vor allem eines wichtig: Ihre Erfahrungen und Ihre Sicht auf diese Stadt sind für uns von Bedeutung. Dieses Parlament steht Ihnen offen – Ihre Anliegen werden hier gehört.
Ich möchte Sie in diesem Jahr deswegen herzlich einladen, einen Blick in das Parlament zu werfen. Bei einer Hausführung haben Sie die Möglichkeit, das Abgeordnetenhaus genauer kennenzulernen. Sie beginnt um 14h hier auf dem Platz.
Seit Jahren zeigen die steigenden Zahlen wohnungs- und obdachloser Menschen in Berlin, dass Wohnungslosigkeit eine der großen sozialen Herausforderungen unserer Zeit ist. Schätzungen gehen inzwischen von ungefähr 53.610 wohnungslosen Menschen in unserer Stadt aus. Rund 6.000 Menschen leben dauerhaft auf der Straße.
Hinter diesen Zahlen stehen Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten. Manche haben ihren Arbeitsplatz verloren. Andere sind durch Krankheit, Schulden oder familiäre Konflikte in Schwierigkeiten geraten. Manche kämpfen mit Suchterkrankungen oder den Folgen schwerer Schicksalsschläge. Oft kommen mehrere Probleme gleichzeitig zusammen. Und manchmal werden sie so groß, dass sie allein kaum noch zu bewältigen sind.
Hinzu kommt, dass der Weg zurück in ein stabiles Leben oft immer schwieriger wird. Die Mieten steigen, bezahlbarer Wohnraum ist knapp und viele Menschen haben kaum noch eine realistische Chance, eine eigene Wohnung zu finden.
Wohnungslosigkeit ist kein individuelles Versagen – sie ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Wer wieder ein Zuhause finden möchte, muss Unterstützung bekommen.
Mich beschäftigen dabei immer wieder vermeintlich einfache Fragen: Wie bewältigt man eigentlich den Alltag, wenn man fast nichts besitzt? Wenn man nicht weiß, wo man die nächste Nacht verbringt? Wenn man keine Rückzugsmöglichkeit hat? Wenn man vielleicht keine Familie mehr hat, die einen auffängt?
Hinzu kommt etwas, worüber oft zu wenig gesprochen wird: Einsamkeit.
Viele obdach- und wohnungslose Menschen erleben nicht nur materielle Not. Sie erleben Ausgrenzung und sind Vorurteilen ausgesetzt. Oft werden sie als laut, aggressiv oder gefährlich wahrgenommen. Dabei wünschen sich die meisten vor allem das, was wir alle wollen: Respekt, Sicherheit und die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Viele möchten arbeiten. Viele möchten gesehen werden. Viele möchten wieder selbst über ihr Leben bestimmen können.
Obdachlose Menschen brauchen kein Mitleid, sondern Respekt.
Mein herzlicher Dank gilt deshalb allen Organisationen, Initiativen und Ehrenamtlichen, die jeden Tag Brücken bauen. Der Straßenfeger, die Berliner Stadtmission, die Bahnhofsmission, Housing First, die Kälte- und Hitzehilfe sowie viele weitere Projekte leisten einen unverzichtbaren Beitrag. Sie helfen nicht nur ganz praktisch, sondern geben Menschen Würde, Aufmerksamkeit und neue Perspektiven.
Auch der heutige Termin soll eine solche Brücke sein. Wir möchten nicht nur, dass Sie das Parlament kennenlernen. Wir möchten auch, dass wir Politikerinnen und Politiker Ihren Alltag besser verstehen und mehr über Ihre Lebensrealitäten erfahren. Nur wenn wir miteinander sprechen, können wir voneinander lernen.
Genau darum geht es heute: einander zuzuhören, Vorurteile abzubauen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Deshalb sind heute Abgeordnete aus verschiedenen Wahlkreisen, Bezirksstadträtinnen und Bezirksstadträte für Soziales sowie Vertreterinnen und Vertreter der Wohnungslosenhilfe hier.
Ich möchte Sie ermutigen, diese Gelegenheit zu nutzen und Ihre Sorgen, Erfahrungen und Ideen mit uns zu teilen.
Natürlich wird dieser Nachmittag nicht automatisch alle Probleme lösen. Das wäre nicht ehrlich. Aber er kann dazu beitragen, dass wir einander besser verstehen. Und das ist ein wichtiger Schritt zu Veränderungen.
Ich übergebe jetzt zunächst an Frau Senatorin Kiziltepe.
Vielen Dank.