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Blick in den Plenarsaal und hauptsächlich die Flaggen für Deutschland, Berlin und Europa
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Rede der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, zur Begrüßung der Teilnehmer des Know-How-Transfers der Wirtschaftsjunioren mit Mitgliedern des Berliner Abgeordnetenhauses

21.04.2026 08:30, Abgeordnetenhaus, Casino

Oft wird in unserer Gesellschaft mehr übereinander gesprochen als miteinander. Der Know-how-Transfer der Wirtschaftsjunioren setzt genau hier an und ist ein wichtiges Zeichen für mehr Austausch und Dialog.

Gerade in einer stark arbeitsteiligen und zunehmend individualisierten Gesellschaft entstehen unterschiedliche Lebenswelten, die im Alltag oft nur wenige Berührungspunkte haben. Das macht Formate wie dieses besonders wertvoll: Sie bringen Menschen ganz bewusst zusammen. Eine funktionierende Gesellschaft lebt davon, dass ihre verschiedenen Bereiche im Gespräch bleiben.

Für Berlin gilt das vielleicht noch stärker als anderswo. Hier gibt es nicht nur den Wunsch, eigene Gruppenidentitäten zu pflegen. Es entstehen auch Rückzugsräume – manchmal als Schutzräume bezeichnet –, in denen man bewusst unter sich bleiben möchte.

Abgrenzung ist in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft selbstverständlich möglich. Entscheidend ist jedoch, dass wir bei allen Unterschieden die gemeinsame Verantwortung im Blick behalten. Die Wirtschaftsjunioren leisten mit ihrem Engagement hierzu einen wichtigen Beitrag: Sie zeigen, dass gesellschaftliche Teilhabe und Verantwortungsbewusstsein zusammengehören.

Unser Gemeinwesen lebt davon, dass sich Menschen aktiv einbringen. Es ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Um zu verstehen, wie es funktioniert, müssen wir über den eigenen Tellerrand hinausblicken.

Das gilt besonders für zentrale Bereiche wie Wirtschaft und Politik. In der Wirtschaft werden die materiellen Grundlagen geschaffen, und in der Politik die Regeln für unser Zusammenleben festgelegt. Beide Bereiche sind eng miteinander verbunden und darauf angewiesen, einander zu verstehen.

Gerade deshalb ist es besonders wertvoll, dass sich die Wirtschaftsjunioren auch in diesem Jahr dafür einsetzen, diesen Dialog zu fördern. Der Know-how-Transfer bringt Menschen zusammen, die sonst oft nur übereinander sprechen – und eröffnet die Möglichkeit zum direkten Austausch.

Abgeordnete erhalten unmittelbare Einblicke in wirtschaftliche Abläufe und unternehmerische Realität. Unternehmerinnen und Unternehmer wiederum erleben, wie politische Entscheidungen entstehen – mit all ihren Abwägungen, Zwängen und Verantwortlichkeiten.

Damit geht es über einen reinen Perspektivwechsel hinaus, denn beide Seiten lernen voneinander. Daraus entsteht besseres Verständnis – und damit auch eine Grundlage für bessere Entscheidungen.

Das Format hat sich bewährt: In Tandems begleiten sich Abgeordnete und Führungskräfte über mehrere Tage im politischen Alltag. Sie erleben Sitzungen, Gespräche und Entscheidungsprozesse aus nächster Nähe.

Besonders bedeutsam ist dabei der unmittelbare Austausch über das Erlebte – ohne Filter und ohne mediale Vermittlung. Hier können Fragen gestellt, Einschätzungen geteilt und auch kritische Punkte offen angesprochen werden. Im besten Fall entstehen daraus Kontakte, die auch in Zukunft bestehen bleiben.

Ich möchte aber nicht verhehlen, dass – gerade weil dieses Format so wertvoll ist – eine größere Zahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern wünschenswert wäre. In diesem Jahr scheint insbesondere die Zahl der beteiligten Abgeordneten ausschlaggebend zu sein. Ich würde mir wünschen, dass sich das künftig wieder ändert.

Natürlich dürfen und sollen auch kontroverse Themen angesprochen werden. Ich könnte mir vorstellen, dass dies zum Beispiel für das jüngst verabschiedete Ausbildungsförderfondsgesetz oder für das angestrebte Wohnraumvergesellschaftungsgesetz gilt.

In Gesprächen mit Unternehmerinnen und Unternehmern wird immer wieder deutlich, dass politische Entscheidungen häufig mit zusätzlichen Vorgaben und Anforderungen verbunden sind. Daraus entstehen nicht selten komplexe Dokumentationspflichten und aufwendige Antragsverfahren. Die Folge sind längere Bearbeitungszeiten und eine höhere Fehleranfälligkeit – ein Thema, das viele Betriebe derzeit besonders beschäftigt.

Austausch bedeutet nicht immer Einigkeit. Unterschiedliche Positionen gehören dazu. Nur wenn sie offen benannt werden, kann daraus etwas entstehen, das uns weiterbringt.

Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung gewinnt das zusätzlich an Bedeutung. Verständigung entsteht nicht, wenn man sich aus dem Weg geht – sondern wenn man miteinander ins Gespräch kommt.

Ich danke allen Beteiligten herzlich für ihr Engagement – und ganz besonders für die Bereitschaft, Zeit in diesen Austausch zu investieren.

Ich wünsche Ihnen allen gute Gespräche.

Vielen Dank!