Rede der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, zur Einbürgerungsfeier 2025 im Berliner Parlament
25.11.2025 18:00, Abgeordnetenhaus, Festsaal
Ich darf Sie heute aus einem besonderen Anlass hier im Berliner Abgeordnetenhaus begrüßen. Seit nunmehr zwölf Jahren feiern wir als Landesparlament eine zentrale Einbürgerungsfeier – es ist uns wichtig, Ihrer Einbürgerung einen festlichen Rahmen zu geben. Schließlich ist Ihre deutsche Staatsbürgerschaft der Abschluss eines langen Integrationsprozesses und Ausdruck Ihres Bekenntnisses zu Deutschland. Es freut mich besonders, dass so viele Bürgerinnen und Bürger, die in jüngerer Zeit ihre Einbürgerungsurkunde erhalten haben, meiner Einladung gefolgt sind. Vielen Dank und herzlich willkommen!
In diesem Jahr steht unsere zentrale Einbürgerungsfeier auch unter dem Leitgedanken des 40. Jubiläums des Schengener Abkommens – einem Meilenstein europäischer Integration, der nicht nur Grenzen geöffnet, sondern auch Sicherheit, Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung in Europa neu definiert hat. Viele von Ihnen stammen aus Staaten, die eng damit verbunden sind: aus Mittel- und Südeuropa, aus den skandinavischen und baltischen Ländern, aus unseren unmittelbaren Nachbarstaaten. Ihre Entscheidung für die deutsche Staatsangehörigkeit ist damit nicht nur ein persönlicher Schritt, sondern auch ein Bekenntnis zu einem Europa und einer Welt, in denen Offenheit, Rechtsstaatlichkeit und gegenseitiger Respekt zentrale Werte sind – Werte, die wir gemeinsam schützen und stärken wollen.
Damit dieser Schritt gelingen kann, braucht es jedoch einen verlässlichen und fairen Einbürgerungsprozess. Das Verfahren ist für viele Antragstellerinnen und Antragsteller eine Geduldsprobe – oft aufwändig und langwierig. Umso erfreulicher ist es, dass sich die Bearbeitungszeiten seit der Einrichtung des neuen Landesamtes für Einwanderung deutlich verbessert haben: Die Rückstände der vergangenen Jahre wurden aufgearbeitet, und die große Zahl von Anträgen in der Warteschleife ist spürbar verringert worden. Das ist eine bemerkenswerte Leistung Ihrer Behörde, lieber Herr Direktor Mazanke. Ich möchte Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dafür – und für die Zusammenarbeit für die heutige Veranstaltung – herzlich danken.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
als deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind Sie nun mit allen Rechten für eine erfolgreiche Teilhabe an unserem Gemeinwesen ausgestattet. Dazu gehört auch eines der wichtigsten Instrumente unserer Demokratie: das Wahlrecht. Bei allen Wahlen können Sie die Partei oder Person wählen, die Ihre Interessen am besten vertritt. Sie können sich ebenfalls als Kandidatinnen und Kandidaten für eines der vielen Mandate aufstellen lassen – ob auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene oder sogar für das Europäische Parlament. Bitte nutzen Sie diese Rechte und bringen Sie sich ein – unsere Demokratie lebt von Beteiligung. Im September des kommenden Jahres wählen wir hier in Berlin in den Bezirken und auf Landesebene. Das ist also eine gute Gelegenheit, von Ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.
Mit Ihrer Einbürgerung bekennen Sie sich auch zu unserer Verfassung, dem Grundgesetz. Es ist unsere Antwort auf das Leid und den Schrecken der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, auf Vernichtungskrieg und das Menschheitsverbrechen der Shoah. Jede Einbürgerung bedeutet ein individuelles Bekenntnis zu unserem Grundgesetz – zur Grundlage unseres Zusammenlebens, unserer Demokratie und unserer Rechtsstaatlichkeit. Und obwohl es nun schon 76 Jahre alt ist, garantiert es bis heute grundlegende Menschenrechte wie Würde, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Gleichheit vor dem Staat.
Zugleich erlegt das Grundgesetz uns Regeln und Pflichten auf: die Freiheitsrechte aller zu achten, niemanden zu diskriminieren, Konflikte friedlich zu lösen und nach Kompromissen zu suchen. Das kann anstrengend und mühselig sein – aber für eine Demokratie ist es unerlässlich. Die Einsicht in diese Regeln unseres Zusammenlebens ist das Eine. Die emotionale Bindung an Herkunftsorte oder ein anderes Land ist das Andere. Sie hat ihre Wurzeln in eigenen biografischen Erfahrungen und ist oftmals mit bestimmten familiären Prägungen verbunden – das wird Ihnen bleiben.
Heimat ist ein sehr deutscher Begriff. In manchen Sprachen braucht man dafür mehrere Wörter. Das Konzept, das Gefühl, gibt es aber natürlich überall. Die Bedeutung von Heimat erschließt sich oft erst, wenn man sie verloren hat. Im Deutschen hat Heimat einen wehmütigen Klang, was wohl damit zusammenhängt, dass viele Menschen deutscher Sprache über lange Zeiträume hinweg ihre Heimat verloren haben. Gerade in Berlin leben Menschen aus ganz Deutschland und aus vielen Ländern der Welt. Diese Entwicklung ist nicht neu und lässt sich bereits am bewussten Zuzug der Hugenotten im 17. Jahrhundert erkennen.
Ich möchte Sie ermutigen, miteinander ins Gespräch zu kommen – zwischen denen, die schon länger deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind, und Ihnen, die jetzt neu dazugehören. Ich bin mir sicher: Unter den Berlinerinnen und Berlinern werden Sie überraschend viele Berührungspunkte in Ihren Lebensläufen und Familiengeschichten entdecken. Der deutsche Philosoph Karl Jaspers hat einmal gesagt: „Heimat ist da, wo ich verstehe und verstanden werde“. Verstehen und verstanden werden bedeutet weit mehr, als eine neue Sprache zu lernen. Es bedeutet, einander mit Neugier zu begegnen, Verständnis füreinander zu entwickeln und den Austausch miteinander zu suchen.
Ich bin überzeugt: Genau darin – im Verstehen und Verstandenwerden – liegt die Schlüsselkompetenz für ein friedliches und gedeihliches Zusammenleben in Deutschland. Denn, wie Sie sicher wissen, hat es in Deutschland nie eine einzige, homogene Gruppe „der Deutschen“ gegeben. Und gerade für die vielen Menschen, die heute neu zu uns kommen, ist diese Vielfalt besonders sichtbar. Ein Zusammenleben von Menschen mit so vielfältiger Herkunft, so vielfältigen Überzeugungen, Prägungen, Religionen und Gebräuchen gibt uns als Gesellschaft neue Stärken. Zugleich bringt es Herausforderungen, Spannungen und Konflikte mit sich. Es kann nur gelingen, wenn wir uns über die wesentlichen Werte unseres Gemeinwesens einig sind.
Eine demokratische Gesellschaft braucht eine gute Streitkultur. Die Regeln dafür geben uns das Grundgesetz und die Berliner Verfassung. Damit komme ich zur Festrednerin unseres heutigen Abends, Frau Dr. Felor Badenberg. Als Berliner Senatorin für Justiz und Verbraucherschutz sind Sie auch Hüterin der Verfassung. In Ihrer vorherigen beruflichen Position beim Bundesamt für Verfassungsschutz haben Sie sich intensiv mit den Gefahren für unsere innere Ordnung befasst. Und Sie haben durch Ihre eigene Lebensgeschichte erfahren, wie es ist, zunächst als Fremde anzukommen und – dank Verstehen und Verstandenwerden – eine neue Heimat zu finden.
Ich wünsche uns allen ein respektvolles Zusammenleben in einem wachsenden Berlin, einem demokratischen Deutschland und einem friedlichen Europa. Vielen Dank!