Rede der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, zur Eröffnung der Ausstellung "Jamim Mikedem - Erinnerungen an das jüdische Leben in Ostmitteleuropa"
31.08.2026 17:00, Abgeordnetenhaus, Festsaal
Wir alle kennen es: Urlaubsimpressionen, Segenswünsche zu Neujahr, Glückwünsche zu Geburtstagen, Hochzeiten oder Schnappschüsse aus dem Alltag lassen sich mittels Messenger-Diensten problemlos an Familie und Freunde versenden. Wir alle führen damit eine Tradition der Kommunikation fort, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Anhänger fand – das Versenden kurzer Mitteilungen zusammen mit Bildern. Das war damals der Sinn und Zweck der Postkarte.
In den letzten knapp 20 Jahren hat sich diese Art der Kommunikation insbesondere durch Smartphones extrem verändert. Doch für rund anderthalb Jahrhunderte waren historische Postkarten ein Archiv für Ansichten vieler Städte und Landschaften, für Architektur, für Bräuche und kulturelle Eigenheiten in Europa. Unter den Bedingungen einer sich rasant wandelnden Welt industrialisierter Staaten bilden sie die Vergangenheit ab: Sie zeigen oftmals, wie es einmal war, aber nicht mehr ist.
Die Ausstellung „Jamim Mikedem – Jüdische Ansichtskarten aus alter Zeit“, die wir ab heute im Abgeordnetenhaus zeigen, knüpft daran an. Sie erschließt uns eine heute verschwundene Welt des europäischen Judentums, das vor der Shoah in Mittel- und Osteuropa ein vielfältiges kulturelles und gesellschaftliches Leben entfaltete. Die Motive der rund 450 Postkarten aus der Zeit zwischen 1898 und 1938 zeigen jüdische Gemeinden, Synagogen, Bräuche, Feiertage und Szenen des Alltags. Gemeinsam ergeben sie ein eindrucksvolles Bild einer Lebenswelt, die über Jahrhunderte ein prägender Bestandteil Mitteleuropas war. Diese Welt war vielfältig. Jüdisches Leben entwickelte sich in den Städten und Dörfern Mittel- und Osteuropas ebenso wie in den großen Metropolen. Menschen handelten miteinander, tauschten Ideen aus, pflegten religiöse Traditionen und entwickelten Kunst und Kultur weiter. Jüdische Geschichte war und ist damit immer auch europäische Geschichte.
Berlin und Prag, die seit 1995 durch eine Städtepartnerschaft verbunden sind, stehen in besonderer Weise für diese gemeinsame Geschichte. Beide Städte waren über Jahrhunderte bedeutende Orte jüdischen Lebens, jüdischer Kultur und jüdischer Gelehrsamkeit. In Berlin ist diese Geschichte eng mit Namen wie Moses Mendelssohn und der jüdischen Aufklärung verbunden. Prag wiederum entwickelte sich bereits im Mittelalter zu einem bedeutenden Zentrum jüdischen Lebens in Europa. Bis heute zeugen Orte wie die Altneu-Synagoge von dieser jahrhundertealten Geschichte.
Doch zu dieser gemeinsamen Geschichte gehört auch ihre gewaltsame Zerstörung. Durch die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik wurden jüdische Gemeinden in ganz Europa ausgelöscht. Millionen Menschen wurden entrechtet, deportiert und ermordet. Eine jahrhundertealte Lebenswelt verschwand innerhalb weniger Jahre.
Gerade hier in Berlin ist diese Geschichte besonders präsent. Gegenüber dem Abgeordnetenhaus befindet sich heute die Topographie des Terrors. Dort, wo während der nationalsozialistischen Diktatur zentrale Institutionen des Terrors ihren Sitz hatten, wird heute an die Verbrechen und ihre Opfer erinnert.
Auch Berlin und Prag verbindet diese Erfahrung auf schmerzliche Weise. Berliner wie Prager Jüdinnen und Juden wurden verfolgt und deportiert. Für viele führte der Weg über Theresienstadt in die Vernichtungslager.
Umso wichtiger ist es, dass eine Ausstellung wie diese nicht allein von Verfolgung und Vernichtung erzählt. Sie zeigt uns das Leben davor. Genau darin liegt für mich ihre besondere Stärke. Wir sehen keine abstrakten historischen Zahlen. Wir sehen Straßen und Plätze, Synagogen und Geschäfte, Feste und alltägliche Begegnungen. Wir sehen Orte, an denen Menschen gelebt, gearbeitet, gefeiert und ihre Religion ausgeübt haben. Die Postkarten bewahren damit etwas, das die nationalsozialistische Vernichtungspolitik auch auslöschen wollte: die Erinnerung an die Vielfalt und Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Europa.
Unsere Berliner Partnerstädte Prag, Warschau, Budapest und Kyjiw gehören zu diesem historisch und kulturell eng miteinander verflochtenen Raum. Jüdisches Leben war über Jahrhunderte ein wesentlicher Bestandteil dieser europäischen Verbindungen. Menschen, Waren, Wissen und Ideen bewegten sich über Grenzen hinweg und prägten die Entwicklung unserer Städte.
Diese Verbindungen bestehen heute unter völlig anderen Voraussetzungen fort. Berlin und Prag sind freie, demokratische europäische Metropolen und enge Partner. Dass wir diese Ausstellung gemeinsam mit der Tschechischen Botschaft und der Europäischen Akademie Berlin eröffnen, ist deshalb mehr als eine organisatorische Zusammenarbeit. Es unterstreicht, dass die Erinnerung an jüdisches Leben und an seine Zerstörung Teil unserer gemeinsamen europäischen Verantwortung ist. Und die Ausstellungseröffnung knüpft an an die Delegationsreise des Präsidiums im vergangenen Herbst. Wir hatten dort auch Gelegenheit zum intensiven Austausch mit der dortigen jüdischen Gemeinde.
Sehr geehrter Herr Botschafter Čistecký, Sie werden uns gleich noch näher in die Ausstellung einführen. Ich freue mich sehr, dass wir sie heute gemeinsam hier im Abgeordnetenhaus eröffnen können. Mein herzlicher Dank gilt Ihnen, der Tschechischen Botschaft, der Europäischen Akademie Berlin und allen, die diese Ausstellung ermöglicht haben.
Was nicht rückgängig gemacht werden kann, ist der Verlust eines großen Teils des europäischen Judentums und seiner kulturellen Vielfalt. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an diese Welt zu bewahren – und zugleich das jüdische Leben wahrzunehmen und zu schützen, das heute wieder selbstverständlicher Teil unserer Städte ist.
Und wenn es in Berlin in diesem Fall Neukölln Kundgebungen gibt, bei denen auch noch mit Billigung aktiver Politiker der Tod israelischer Soldaten gefordert wird, dann ist das ganz und gar nicht hinnehmbar. Und es zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, auch mit der Wahlentscheidung am 20.09. die Stimme gegen Antisemitismus und für sicheres jüdisches Leben in Berlin abzugeben.
Vielen Dank!