Rede der Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Cornelia Seibeld, anlässlich der Feierstunde zur Benennung des Margot-Friedländer-Platzes
07.05.2026 09:00, Abgeordnetenhaus, Plenarsaal
Heute bekommt der Platz vor unserem Haus - vor dem Berliner Parlament - einen Namen. Einen Namen, der für Mut, Menschlichkeit und unerschütterliche Würde steht: Margot Friedländer.
Wir ehren damit eine große Berlinerin – und einen Menschen, dessen Leben uns zu dauerhaftem Erinnern verpflichtet.
Margot Friedländer wurde am 5. November 1921 in Berlin geboren. Sie verstarb am 9. Mai 2025 in Berlin. Dazwischen liegt ein Jahrhundertleben.
Ein Leben, das beinahe viel zu früh geendet hätte – wie für so viele Berliner Jüdinnen und Juden, die erst deportiert und dann ermordet wurden. Zum Glück kam es anders.
Sie war 21 Jahre jung, als sie ihre Familie verlor: Ihr Bruder wurde verhaftet, ihre Mutter stellte sich aus Liebe zu ihm der Polizei. Beide – wie auch ihr Vater – wurden in Auschwitz ermordet.
Margot Friedländer ging in den Untergrund. Das war vor allem ihrer Entschlusskraft, Ausdauer und ihrem Einfallsreichtum zu verdanken.
Ihre Mutter hatte ihr bei einer Nachbarin noch eine Handtasche – mit einem kleinen Adressbuch, einer Bernsteinkette und einer Botschaft hinterlassen: „Versuche, Dein Leben zu machen.“
Diese Worte wurden zu ihrem Kompass. Das Büchlein und die Kette hütete sie wie einen Schatz. Ein Leben lang.
Fünfzehn lange Monate lebte sie in ganz unterschiedlichen Bezirken versteckt und auf sich gestellt im Untergrund. Dabei traf sie auf verschiedene Menschen, die sie mal länger und mal kürzer versteckten und ihre Lebensmittelrationen mit ihr teilten.
Nach einem Bombenangriff wurde sie von der Polizei aufgegriffen und bekannte: „Ich bin jüdisch. Indem ich es aussprach, war ich wieder mit dem Schicksal meiner Familie und aller anderen Juden vereint.“
Anschließend wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Die Bedingungen dort waren unmenschlich: Hunger und Elend waren allgegenwärtig. Die brutale Willkür der SS und die ständige Angst, derportiert, vernichtet, ermordet zu werden.
Margot Friedländer schaffte es trotz aller Grausamkeiten und unmenschlichen Bedingungen zu überleben.
Nach dem Krieg ging sie in die Vereinigten Staaten. Erst viele Jahrzehnte später kehrte sie 2010 zurück – mit 88 Jahren. Nicht, um abzuschließen, sondern um zu sprechen.
Ihre Mission war klar: Für die zu sprechen, die nicht mehr sprechen konnten. In ihren eigenen Worten formulierte sie das so: „Die Mission ist, für die zu sprechen, die es nicht geschafft haben. Es sind nicht nur die sechs Millionen Juden. Es sind alle Menschen, die man umgebracht hat. Ich konzentriere mich auf das Jetzt, besonders auf die jungen Menschen. Denn sie sind die Zukunft. Das sind die, auf die wir hoffen. Dass sie dafür sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht.“
Und sie tat das – unermüdlich. Vor allem für junge Menschen. Mindestens dreimal in der Woche trat sie mit Schülerinnen und Schülern in den Dialog. Mit großer Klarheit und leiser Stimme erzählte sie davon, was geschehen war – und was daraus folgt.
Ich erinnere mich noch gut an ihren letzten öffentlichen Auftritt am 7. Mai 2025 hier in Berlin im Roten Rathaus: Niemand konnte sich ihrer zarten, verletzlichen Stärke entziehen oder dem Gewicht ihrer Worte ausweichen. Die emotionale Wucht ihrer Zeugenschaft, ihre Ruhe und ihre Präsenz haben uns alle in ihren Bann gezogen. Viele - auch die Schülerinnen und Schüler des Beethoven Gymnasiums, die seinerzeit für die musikalische Begleitung sorgten - hatten Tränen in den Augen.
Im Rahmen der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Kapitulation Nazi Deutschlands hat sie - ein letztes Mal - aus ihren Erinnerungen an das Kriegsende vorgelesen. Sie schilderte Szenen über den Abzug der SS aus Theresienstadt, den Einzug der Befreier der Roten Armee und die Gemeinschaft mit ihrem Mann Adolf, den sie nach jüdischer Tradition noch im Lager heiratete.
Margot Friedländer liebte das Leben – daraus schöpfte sie die Kraft, zu erinnern und aufzuklären. Ihr Leben ist auch ein Triumph über ihre Verfolger. Ein Triumph der Menschlichkeit über die Unmenschlichkeit.
Und deswegen ist auch der heutige Tag - ganz im Sinne Margot Friedländers - ein freudiger, fröhlicher Tag!
Seit 2018 hängt hier im Abgeordnetenhaus in der Galerie der Berliner Ehrenbürgerinnen und Ehrenbürger ihr Porträt. Ich komme nahezu täglich daran vorbei. Und jedes Detail darauf erinnert mich an die Bedeutung ihres Lebens:
Die Bernsteinkette und das kleine Adressheft ihrer Mutter.
Das Buch mit dem abgenutzten Einband.
Der Judenstern, den sie noch am 20. Januar 1943 ablegte, um zu überleben.
Das Buch, auf das sie sich stützt und das schon etwas abgegriffen aussieht, ist ihre Autobiographie von 2008, die unter dem Titel „Versuche, Dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin.“ erschienen ist. Der stark eingerissene Einband zeugt von ihrem Engagement: Es ist das Exemplar, aus dem Margot Friedländer unzähligen Schülerinnen und Schülern vorgelesen hat.
Der Platz vor dem Abgeordnetenhaus trägt seit heute ihren Namen – mitten im Herzen unserer Demokratie und einst Schauplatz schrecklicher Geschichte: ein Ort, an dem die Demokratie ausgehöhlt, der Volksgerichtshof gegründet und in dessen unmittelbarer Nähe Verbrechen des NS-Regimes vorbereitet wurden.
In Sichtweite befindet sich die Topographie des Terrors – im Dritten Reich Sitz von Unterdrückungs- und Terrororganisationen. Die Zentralen des Reichsführers SS, der Gestapo und des Sicherheitsdienstes der SS waren dort zum sogenannten Reichssicherheitshauptamt zusammengeführt.
Entlang der heutigen Niederkirchnerstraße wurde die Verfolgung und Vernichtung all derer organisiert, die der Nationalsozialismus für lebensunwert oder gegnerisch hielt. Diese Orte stehen für politische Verantwortung und erinnern uns zugleich daran, wie zerbrechlich Demokratie sein kann.
Den Platz vor dem Abgeordnetenhaus nach Margot Friedländer zu benennen, ist deshalb eine dauerhafte Mahnung. Der Sitz und Tagungsort des Berliner Parlamentes – die Herzkammer der Demokratie in dieser Stadt – hat damit eine neue Adresse.
Margot Friedländers Vermächtnis ist damit jeden Tag sichtbar. Für alle Abgeordneten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Hauses – und für alle, die das Parlament besuchen oder hier vorbeigehen. Alle Gesetze, die im Parlament beschlossen werden und die damit einhergehenden Entscheidungen für Berlin, tragen als Teil des Absenders ab heute ihren Namen.
Aber ich glaube, es wäre nicht in ihrem Sinne gewesen, diese Benennung nur als Mahnung und Erinnerung zu verstehen. Nein, nicht nur rückwirkend steht dieser Platz künftig für Margot Friedländer. Vor allem vorwärtsgewandt. So wie sie mit 88 Jahren noch einmal in Berlin von vorne anfing. So haben wir alle die Möglichkeit, Margot Friedländers Werte zu leben. Jeden Tag. Menschlichkeit, Herzenswärme, Vergebung, Tolleranz und Mut. Die politische Situation in Deutschland, in Berlin, die Spaltung der Gesellschaft, das Erstarken der politischen Ränder und nicht zuletzt der erstarkende Antisemitismus in Deutschland. All das führt uns deutlich vor Augen, wie wichtig undl eider auch aktuell die Botschaft von Margot Friedländer war und ist.
Margot Friedländer bleibt damit auch nach ihrem Tod präsent. Ihr Vermächtnis könnte an keinem Ort in Berlin besser zum Ausdruck kommen, als hier.
Margot Friedländer ist nach Berlin zurückgekehrt, um uns etwas mitzugeben: Den Auftrag, hinzusehen, zu erinnern und Verantwortung zu übernehmen. Sie hat uns gebeten, das weiterzugeben, wofür sie ein Leben lang eingestanden hat.
Diesem Auftrag fühle ich mich ganz persönlich verpflichtet, diesem Auftrag sind aber auch wir alle verpflichtet.
Ich bin dem Regierenden Bürgermeister und dem Bezirk Mitte sehr dankbar, dass sie meinen Vorschlag zur Benennung dieses Platzes so schnell und entschlossen unterstützt haben.
Durch das Zusammenwirken aller Beteiligten ist es möglich, dass wir Margot Friedländer heute gebührend ehren können – fast genau ein Jahr nach ihrem Tod. Das ungewöhnlich hohe Tempo dieses Prozesses bringt die Hochachtung vor Margot Friedländer dauerhaft zum Ausdruck.
Margot Friedländer hat uns etwas hinterlassen, das bleibt: Ihre Geschichte. Ihre Haltung. Und den Auftrag, nicht wegzusehen. Es ist weniger ein Auftrag des Erinnerns, als ein Auftrag, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Bei aller Trauer um ihren Verlust, ist heute ein Tag der Freude und des feierlichen Erinnerns.
Vielen Dank!